„Besser beim Wissenstransfer“

Erwachsene sind keine schlechten Lerner, sagt Barbara Schellhammer, Professorin an der Hochschule für Philosophie München. Sie lernen nur anders als Kinder.

Frau Schellhammer, in Ihrem Buch*) vertreten Sie eine für Erwachsene ermutigende These: „Hans lernt später anders, aber er lernt, manches sogar besser als Hänschen.“ Das müssen Sie uns erklären!

Die Bereitschaft, sinnfrei zu lernen, ist bei Erwachsenen viel weniger ausgeprägt als bei Kindern. Erwachsene lernen zudem viel stärker im Kontext ihrer Lebenserfahrung als Kinder. Soll heißen: Sie lernen nicht das in einem Buch präsentierte Wissen auswendig, sondern fragen sich, was der Buchinhalt zum Beispiel mit ihrem Beruf oder der politischen Situation zu tun hat. Bei diesem Transfer sind sie aber besser als Kinder.

Ich kann also morgen mit Persisch beginnen – und werde mich im Prinzip nicht schwerer tun als ein Schüler?

Es kommt auf die Form des Lernens und auf die Motivation an. Was Erwachsenen schwerer als Kindern fällt, ist die massive Anhäufung von Wissen im Kurzzeitgedächtnis. Ein Oberstufenschüler tut sich viel leichter damit, von heute auf morgen 100 Vokabeln zu pauken als ein Erwachsener. Lebt aber ein Erwachsener mit jemandem zusammen, der Persisch spricht, dann kann er die Sprache genauso gut erlernen. Es gibt dann im Ergebnis kaum Unterschiede.

Wenn die Lernfähigkeit nicht vom Alter abhängt, von was hängt sie dann ab?

Entscheidender sind soziokulturelle und lernbiografische Faktoren. Hat man zum Beispiel als Kind schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht oder ist womöglich mit dem Mantra aufgewachsen „nicht sprachbegabt“ oder „unmusikalisch“ zu sein, dann hemmt das die Lernfähigkeit auf diesen Feldern auch im Alter. Das kann sich auch im fortgeschrittenen Alter zum Beispiel in Prüfungsangst äußern oder in einem ständigen Hinauszögern der Prüfungsvorbereitung.

Hat ihre Art zu lernen auch Nachteile für Erwachsene?

Ja. Müssen sie eine völlig neue Methode oder Herangehensweise erlernen, die der eigenen – verinnerlichten – zuwiderläuft, dann tun sie sich schwer. Ich vergleiche das gerne bildhaft mit Autobahnen und Trampelpfaden. Es ist schwierig im erwachsenen Gehirn neue Trampelpfade anzulegen, wenn es bereits eine bequeme Autobahn gibt. Das kindliche Gehirn dagegen kennt noch keine Autobahnen, daher tun sich Kinder leichter, neu angelegte Trampelpfade immer wieder zu nutzen, bis sie zur Autobahn werden.

Woher stammt der weitverbreitete Glaube, dass Erwachsene sich beim Lernen schwertun?

Da kommen vermutlich mehrere Dinge zusammen. Lernen wird mit Schule assoziiert, oft negativ. Zudem gelten Erwachsene als „fertig“, da passt die Vorstellung vom Lernen nicht so recht dazu. Es gibt allerdings auch unbestreitbare Nachteile, die Erwachsene gegenüber Kindern haben, etwa beim Erlernen motorischer Herausforderungen. Und letztlich ist die These vom Erwachsenen, der beim Lernen gegenüber Kindern benachteiligt ist, ja auch sehr bequem: Wenn es eh nicht geht, muss ich ja auch nichts am Ist-Zustand verändern.

Michael Vogel


*) Barbara Schellhammer: Wie lernen Erwachsene (heute)? Eine transdisziplinäre Einführung in die Erwachsenenbildung, Beltz 2017