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DIE NATUR
ALS VORBILD

In der Natur finden sich zahlreiche Belege dafür, dass Tiere in der Gruppe oder im Rudel Leistungen vollbringen, die dem einzelnen Tier nicht möglich sind. Doch was ist dran an Schwarmintelligenz? Wie lassen sich die Beobachtungen aus dem Reich der Tiere auf Menschen übertragen und was können Unternehmen davon lernen?

„Der Schwarm löst in erster Linie die Überlebensprobleme des Individuums“, erklärt Jens Krause, Professor für Fischökologie und Schwarmforscher an der Humboldt-Universität zu Berlin, die Kompetenz von Schwärmen: Fressen finden, Feinde rechtzeitig erkennen und sich fortpflanzen. Krause sieht sich ganz genau an, wie Tiere im Schwarm zusammenleben, wie sie Informationen beschaffen, austauschen und verarbeiten, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen: möglichst viel Leben in die kommenden Generationen weiterzutragen. Dabei versuchen sein Team und er nicht der Intelligenz des einzelnen Fisches auf die Spur zu kommen, sondern der Intelligenz der Gruppe und der Qualität ihrer Entscheidungen.

Im Schwarm halten sich alle Individuen an drei einfache Regeln, so Krause. Erstens: Bewege dich auf das Zentrum der Tiere zu, die du in deinem Umfeld siehst. Zweitens: Bewege dich in dieselbe Richtung wie deine Nachbarn. Und drittens: Pass auf, dass dir niemand zu nahe kommt. Einfache Regeln steuern ein hochkomplexes System. Ein Phänomen, das Jens Krause bis heute begeistert. Fragen, die sich die Experten stellen: Sind Entscheidungen von Schwärmen denen von Einzelpersonen überlegen? Oder: Können Unternehmen die Erkenntnisse der Natur nutzen?

Schwärme treffen gute Entscheidungen

„Die Qualität der Entscheidungen von Schwärmen ist in der Regel hoch. Sie sind dezentral und stabil, weil sie nicht von einer Person abhängig sind“, erklärt Krause. Mengenangaben – etwa die Anzahl von Murmeln in einem Glas – werden von Gruppen durchschnittlich besser geschätzt als von Einzelnen. Ein prominentes Beispiel ist die Publikumsfrage bei der RTL-Quiz-Show „Wer wird Millionär?“. Auch hier ist das Wissen des Publikums in der Regel dem des Einzelprobanden überlegen.

Bekanntlich hat jede Regel aber ihre Ausnahme: „Wenn Expertenwissen gefragt ist, sind auch 10.000 Befragte nicht besser als ein Spezialist“, nennt Krause ein Beispiel. „Es ist also von Fall zu Fall verschieden und es gibt bislang wenige klare Prinzipien und allgemeingültige Formeln, bei denen man a priori sagen kann: Dieses Problem eignet sich für Schwarmintelligenz.“

Durch Beobachtungen aus dem Tierreich sowie aus zahlreichen Feldversuchen mit Großgruppen haben die Berliner Forscher um Krause eine Liste von Kriterien erarbeitet, die Voraussetzung dafür sind, dass die kollektive Intelligenz ihre Überlegenheit ausspielen kann: Zunächst einmal müssen Personen die Fähigkeit haben, das Problem oder die Fragestellung überhaupt einschätzen zu können. Sie dürfen nicht völlig überfordert sein. Ferner müssen die Antworten ehrlich und nicht von Wunschdenken geprägt sein. Autonomie ist ein weiterer wichtiger Parameter.

Jens Krause dazu: „Das Individuum sollte besser nicht wissen, was der andere denkt, denn wenn alle die gleiche Informationsquelle haben, ist es witzlos, viele zu befragen.“

Mit unterschiedlichen Ansätzen und Vorstellungen an ein Problem herangehen – im Fachjargon Diversität genannt – vermeidet darüber hinaus, dass alle mit den gleichen Mustern und Methoden an die Lösung des Problems herangehen. Die Weisheit der Massen schlägt sonst schnell in Schwarmdummheit um.

Mit Ameisenintelligenz Millionen einsparen

Die Arbeiten der Wissenschaftler sind jedenfalls kein Selbstzweck. So nutzen Unternehmen die Naturbeobachtungen und Versuche, um betriebswirtschaftliche oder logistische Problemstellungen lösen zu können. „Heute wissen wir: Schwarmintelligenz eignet sich hervorragend für den Einsatz im Unternehmen. Allerdings haben wir hier Nachholbedarf“, führt der Unternehmensberater Jochen May, Inhaber von Human Resources Consulting, aus. Das wirtschaftliche Potenzial von Schwarmintelligenz werde von den meisten Firmen bisher kaum gesehen, geschweige denn genutzt. „Wir stehen also noch ganz am Anfang der Entwicklung.“

Trotz Kinderschuhen: In Industrie, Forschung und Logistik existieren Beispiele, die die Erkenntnisse aus der Schwarmforschung umsetzen. Procter & Gamble setzt Schwarmintelligenz ein, um die Produktionspläne seiner Fabriken zu optimieren. Konkret: Mithilfe computergestützter Softwareprogramme, die sich am Verhalten von Ameisen orientieren, gelang es dem Konzern beispielsweise, sein Nachschubnetz zu optimieren. Hierzu wurden aus der Fähigkeit der Ameisen, immer den kürzesten Weg zwischen Nahrung und Nest zu finden, sogenannte Ameisenalgorithmen abgeleitet, die sich dann in Software beispielsweise als agentenbasierte Modelle abbilden lassen. Für Procter & Gamble zahlte sich das Spicken in der Natur aus: Laut Unternehmensangaben werden durch die Optimierung jährlich 300 Millionen Dollar eingespart.

Ameisenintelligenz als Vorbild für operative Höchstleistungen und Millioneneinsparungen? Das geht. Konzerne wie Schlumberger und Mercedes wissen um den Vorbildcharakter von Schwarmintelligenz und nutzen sie, um herauszufinden, wie Medikamentenentwicklung, Auftragsabwicklung, Nachschub der Materialflüsse oder Preisstrukturen verbessert werden können. „Ameisen sind auch unmittelbar Vorbild einer technischen Anwendung: Navigationsgeräte kalkulieren die optimale Strecke mithilfe sogenannter Ameisenalgorithmen“, ergänzt Berater May.

Der Modebegriff Schwarmintelligenz verheißt also Positives: Aus vielen Entscheidungen Einzelner wird die Klugheit vieler. Nur rund fünf Prozent der Individuen in einem Schwarm müssen Informationen haben, um eine Gruppe in eine neue Richtung zu lenken. Fünf Prozent reichen aber auch, um ein Vorhaben, etwa ein Veränderungsprojekt, zu torpedieren. „Hat man die Leute erstmal befragt, wollen sie auch, dass ihre Idee umgesetzt wird“, resümiert Forscher Krause. Unternehmen, die die Intelligenz des Schwarms nutzen möchten, sollten sich daher über die ambivalente Wirkung im Klaren sein.

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