HaysWorld
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HaysWorld 02/12
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WIE MAN DIE INSTINKTIVE INTELLIGENZ DES KÖRPERS NUTZT

VARIATION IST BESSER ALS
WIEDERHOLUNG

Immer wieder dieselbe Bewegung: So üben viele Sportler und Musiker. Dabei lernt unser Körper gerade aus Abweichungen und Fehlern.

Null Medaillen. Bei Olympia 2012 in London gingen die deutschen Schwimmer regelrecht baden. Zu viel Training, zu wenig Training – selbsternannte Experten überboten sich mit widersprüchlichen Spekulationen über das historische Debakel. Für Professor Wolfgang Schöllhorn, Bewegungswissenschaftler an der Uni Mainz, könnte das schlechte Abschneiden der Schwimmer und anderer deutscher Olympioniken auch einen anderen Grund haben. Seit vielen Jahren prangert der ehemalige Trainer vieler Spitzensportler das monotone Einschleifen immer gleicher Bewegungsmuster an. „Nicht Wiederholungen bringen die Leistungssteigerung, sondern bewusste Abweichungen“, sagt Schöllhorn. Das aktiviere die instinktive Intelligenz, die unserem Bewegungssystem innewohne.

Dass Schöllhorn recht haben könnte, zeigen Kleinkinder: Sie wiederholen keine Bewegungen, sondern variieren, greifen einen Gegenstand mal oben, mal unten, mal mit zwei Händen, mal mit einer Hand. Spiel mit Bewegung steigere sogar den Schulerfolg, sagt Brigitte Haberda. Die österreichische Pädagogin und Erfinderin des Lernsystems Klipp-und-klar hat herausgefunden, dass variantenreiche Bewegungsspiele die Hand-Augen-Koordination verbessern und sich dies später in der Schule in besseren Leistungen beim Schreiben niederschlägt. Haberda empfiehlt: „Lassen Sie Ihr Kind öfter mal abtrocknen oder Kaffeemahlen.“

Den Körper selbst die optimale Bewegung finden lassen

Übertragen auf das Training von Spitzensportlern heißt das: Der Athlet sollte Abweichungen, ja sogar absichtliche Fehler in seine Bewegungsabläufe einbauen und den Körper selbst die optimale Bewegung finden lassen. Das funktioniert, wie ein Versuch an Kugelstoßern gezeigt hat. Das „falsche“ Training brachte eine messbar größere Leistungssteigerung als das Training von Probanden, die sich nur eine Bewegung einbläuten. Überraschend zeigte die „falsch“ trainierte Gruppe sogar bis zu vier Wochen nach Trainingsende noch Leistungssteigerungen, während die einschleifende Gruppe in der gleichen Zeitspanne wieder auf dem Startniveau landete. Schöllhorn, der in der deutschen Trainerszene als Enfant terrible gilt, plädiert darum für eine Abkehr vom stumpfsinnigen Üben und damit von kognitiven, also bewussten Bewegungsmustern. „Das Gehirn hat keinen Dirigenten“, sagt Schöllhorn. „Nutzen Sie die Selbstorganisation Ihrer Muskeln und des ganzen Körpers.“

Diese Selbstorganisation muss allerdings wirklich unbewusst erfolgen. Professor Markus Raab, Experte für intuitive Entscheidungsforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, hat untersucht, welchen Schaden zu viel Aufmerksamkeit auf den Muskel anrichten kann.

Basketballer, die sich vor dem Korbwurf genau den Bewegungsablauf vorstellen, treffen seltener. Im schlimmsten Fall kann das krankhafte Züge annehmen. So litt der deutsche Topgolfer Bernhard Langer an „Yips“, einem Zucken der Hände, wenn er den Ball die letzten Meter ins Loch putten sollte. Solche Krämpfe treten vor allem bei Personen auf, die sich sehr auf ihre Handbewegungen konzentrieren, zum Beispiel bei Musikern oder Chirurgen.

Dabei ist diese Konzentration gar nicht nötig. Wenn wir einen Telefonhörer greifen, müssen wir darüber nicht nachdenken, der Arm führt automatisch die ökonomischste Route aus. Das liegt daran, dass sich das motorische System im Laufe der Evolution als Erstes herausgebildet hat. Sein Ziel ist, Bewegungen möglichst schnell und energiesparend auszuführen. Das macht Sinn, denn wenn der Säbelzahntiger zum Sprung ansetzte, mussten unsere Vorfahren wegrennen, ohne lange darüber nachzudenken.

Das Gehirn instinktiver nutzen

Die Intelligenz der Muskeln sitzt allerdings nicht nur im Muskel selbst, sondern auch im Gehirn, wo sie einen erheblichen Teil des Denkorgans einnimmt. Wenn wir Menschen uns nicht bewegen müssten, könnten wir große Teile des Gehirns abschalten. Besonders konsequent sind bestimmte Korallen: Wenn sie sich niederlassen und sich nicht mehr bewegen müssen, fressen sie ihr eigenes Gehirn auf.

Für uns Menschen ist das kein Vorbild. Wir sollten unser Gehirn nutzen, aber instinktiver, als wir das häufig tun. Dieser Instinkt lässt sich trainieren, er lässt sich auch wieder zurückholen. Mit Golfschlägen aus unterschiedlichen Distanzen konnte Markus Raab Bernhard Langer helfen, seine Muskelzuckungen loszuwerden. Langer puttet heute mit einer Art umgebautem Besenstiel. Tritt so etwas bei einem Musiker auf, lässt Raab ihn mit Handschuhen spielen und zwingt so das Gehirn, für bekannte Bewegungsmuster neue „Verdrahtungen“ der Nervenzellen auszubilden.

Diesen Umbau im Gehirn kann man durch Ernährung unterstützen, wie Forschungen in den letzten Jahren gezeigt haben. Die besten Denkleistungen zeigten Probanden, die täglich rund 70 Gramm Fisch und damit Omega-3-Fettsäuren aufnahmen, auch Fleisch, Fruchtsaft und Rüben scheinen das Denken zu befördern. Wenig überraschend: Wer viel Fast Food und Zucker in sich hineinstopft, reduziert das Denkvermögen. Mehr noch: Bei starkem Übergewicht schrumpft das Gehirn sogar. An der Redensart, wonach nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist stecke, ist also etwas dran.

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