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Interview mit Prof. Dr. Elsbeth Stern

'Wie ich meine Intelligenz nutze, ist auch eine Frage des Pay-off'

Prof. Dr. Elsbeth Stern ist Psychologin und leitet den Bereich für empirische Lehr- und Lernforschung an der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich.

Schwerpunkte ihrer Forschung liegen in der Kognitionspsychologie und Intelligenzforschung. Sie veröffentlichte zahlreiche Studien, Artikel und Bücher, zuletzt das Buch „Lernen macht intelligent“.

Frau Prof. Stern, was ist Intelligenz?

Eine eindeutige Definition zu formulieren ist schwer. Aber Intelligenz lässt sich gut als Lernfähigkeit im akademischen Bereich beschreiben. Es geht nicht um körperliches Lernen, nicht darum, wie ich auf einen Baum klettere, sondern um den Erwerb von Wissen. Der Begriff „akademisch“ hört sich hochtrabend an, meint jedoch auch schlicht Lesen und Schreiben. Also alles, was uns nicht in die Wiege gelegt wurde.

Und was ist das Gegenteil von Intelligenz?

Inflexibilität und Rigidität. Sich nicht auf veränderte Bedingungen einstellen zu können. Lernen heißt, sich neuen Umständen anpassen zu können.

Welche Intelligenzbegriffe gibt es und wodurch unterscheiden sie sich?

Es gibt die Begriffe kognitive, emotionale, soziale und praktische Intelligenz. Wichtig ist aber: Die Psychologie beschränkt sich auf die kognitive Intelligenz. Alles andere nennen wir eher Kompetenzen, sonst würde der Begriff Intelligenz verwässert. Es gibt hochintelligente Menschen mit geringer sozialer Kompetenz. Das macht sie nicht weniger intelligent. Intelligenz zeigt sich daran, wie wir Symbolsysteme nutzen, um die Welt besser zu verstehen.

Beschreiben die Begriffe „klug“, „schlau“ und „intelligent“ den gleichen Sachverhalt?

„Klug“ und „schlau“ sind keine Begriffe der Psychologie. In der wissenschaftlichen Diskussion legt man sich auf bestimmte Termini fest, um sie möglichst präzise beschreiben zu können, und „klug“ und „schlau“ gehören beim Thema Intelligenz nicht dazu. In der Alltagswelt würde man vielleicht unterstellen, dass auch jemand, der keine besonders guten Ergebnisse in einem Intelligenztest aufweist, „schlau“ sein kann, weil er vielleicht nicht die optimalen Möglichkeiten gehabt hat, seine kognitiven Fähigkeiten auszubilden.

Ist Intelligenz erblich?

Jeder Mensch hat die genetische Anlage, intelligent zu sein. Aber natürlich unterscheiden sich die Gene in der Ausprägung der Intelligenz. Das ist der Unterschied zwischen universeller und differenzieller Intelligenz. Wir alle haben dank unserer Gene eine Nase. Aber wie groß sie ist und wie sie geformt ist, ist eben bei jedem verschieden, und diese Unterschiede sind auf Gene zurückzuführen.

Und welche Rolle spielt das Umfeld eines Menschen?

Zunächst geht es um ganz profunde Faktoren: Ein hungerndes oder vernachlässigtes Kind wird Schwierigkeiten haben, sich zu einem intelligenten Erwachsenen auszubilden. Wichtig ist außerdem die Sprachförderung. Dass man mit Kindern lernt, die Welt zu benennen, und nicht darauf wartet, dass dies von selbst geschieht. Wie wichtig sprachliche Kompetenz ist, zeigt sich, wenn man den gleichen Intelligenztest einmal in der Muttersprache und einmal in einer Fremdsprache absolviert: Die Ergebnisse werden in der Fremdsprache immer schlechter sein. Aber erst durch Lesen und Schreiben lässt sich schlussfolgerndes Denken lernen. Und das letzte Quantum gibt die Schule. Erst mit dem Schulbesuch stabilisieren sich Unterschiede in der Intelligenz. Je länger jemand die Schule besucht, desto größer sind seine Chancen, intelligent zu werden und gute Ergebnisse in einem Intelligenztest zu erzielen. In einem optimalen Lernumfeld würden sich die genetischen Unterschiede bei der Intelligenz zu 100 Prozent zeigen.

Lässt sich Intelligenz überhaupt zuverlässig messen und wenn ja, wie?

Nicht so präzise wie Größe oder Gewicht, aber generell schon. Es gibt Messfehler, dabei geht es jedoch um Abweichungen von nur wenigen Punkten.

Was sagt das Ergebnis eines Intelligenztests über die Leistungsfähigkeit eines Menschen aus?

Eine hohe Intelligenz schadet nie. Das lässt sich klar sagen. Natürlich gibt es vereinzelt auch sehr intelligente Menschen, die ihr Leben an die Wand gefahren haben, aber dann nicht wegen, sondern trotz ihrer Intelligenz. Wer gute Intelligenzgene mitbringt, hat immer bessere Chancen, gut in vielen Bereichen zu sein. Und er ist übrigens auch zufriedener. Denn intelligente Menschen haben größere Chancen, das Leben zu leben, das sie führen möchten. Sie gehen flexibler mit dem Vorgefundenen um und handhaben Situationen, auf die sie stoßen, geschickter. Sie finden Alternativen, wenn mal was nicht so läuft.

Welche Rolle spielt Intelligenz im Zusammenhang mit Lernleistungen?

Intelligenz heißt Lernfähigkeit. Aber in dem Sinne, dass verstanden und nicht nur auswendig gelernt wird. Reines Auswendiglernen führt nicht weit, wenn das Gelernte nicht anwendbar ist. In meinem nächsten Projekt untersuchen wir übrigens, ob besonders intelligente Schüler im Unterricht früher „dichtmachen“ als weniger intelligente, wenn es nicht um sinnstiftendes Lernen geht. Wie gut ich lerne, hängt auch von meinem Ziel ab. Die Methode muss Nebenprodukt des Inhalts sein. Lernstrategien müssen am Objekt entwickelt werden. Manchmal ist das sture Wiederholen von Fakten sinnvoll, manchmal nicht. Das physikalische Phänomen „Kraft“ zum Beispiel verstehe ich nicht, indem ich die Definition auswendig lerne.

Was kann man unternehmen, um seine eigene Intelligenz oder die seiner Mitarbeiter zu fördern und weiterzuentwickeln?

Intelligenz hat sich bei Erwachsenen stabilisiert. Da lässt sich nicht mehr viel machen. Ein normal Intelligenter wird nicht mehr hochintelligent. Die Frage als Arbeitgeber muss eher lauten: Wie kann ich die vorhandene Intelligenz optimal nutzen? Und brauche ich überhaupt für jeden Job hochintelligente Mitarbeiter? Sind manchmal andere Kompetenzen nicht sinnvoller für eine Tätigkeit? Sehr intelligente Mitarbeiter müssen unbedingt gefordert werden und bloß nicht der Routine überlassen werden. Weniger Intelligente sollten wiederum nicht überfordert werden, ihnen muss Sicherheit gegeben werden. Arbeitgeber
müssen sich also genau überlegen: Was erwarten wir von welchem Mitarbeiter?

Kann man im Laufe seines Lebens an Intelligenz verlieren, etwa wenn man sein Denkvermögen nicht nutzt? Demenzerkrankungen natürlich ausgenommen.

Wenn man sich die Ergebnisse von Intelligenztests einer Person über eine Lebensspanne hinweg anschaut, so werden sie nicht signifikant schlechter. Der Teilnehmer mag langsamer werden und vielleicht gehen mal drei Punkte verloren, aber insgesamt ist Intelligenz erstaunlich robust. Es geht natürlich ebenso um die Motivation: Wie nutze ich meine Intelligenz? Ich bin sicher, wenn es von heute auf morgen Voraussetzung wäre, Chinesisch zu können, um mit 65 in die Rente gehen zu dürfen, würden auch 60-Jährige sehr schnell Chinesisch lernen. Die Frage ist also auch immer die nach dem Pay-off.

Werden die Menschen im Laufe der Menschheitsgeschichte immer intelligenter? Das deuten zumindest Ergebnisse von IQ-Tests an.

Die Gene, die die menschliche Intelligenz steuern, dürften sich in den letzten 40.000 Jahren nicht wesentlich verändert haben. Aber unsere heutige Umwelt nutzt die Intelligenzgene besser aus – weil die Rahmenbedingungen bessere sind als noch vor 100 Jahren. Wir gehen jedoch derzeit davon aus, dass in den westlichen Zivilisationen das Optimum weitgehend erreicht ist.

Es gibt auch Thesen, dass die Menschheit an Intelligenz verlieren wird.

Ich könnte mir allenfalls vorstellen, dass die Vernachlässigung der sprachlichen Entwicklung im Kindesalter und eine Unterforderung in der Schule irgendwann zu einer messbar schlechteren Intelligenzleistung der Gesamtbevölkerung führen könnten. Aber im Augenblick kann davon noch keine Rede sein.

Frau Prof. Stern, vielen Dank für das Gespräch.

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