HaysWorld
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Alle Kunst ist
Intuition?

Entspringt Kunst der Intuition oder handelt es sich um das gekonnte Anwenden eines bestimmten Regelwerks? Beides – das Spannende allerdings sei der Raum dazwischen, sagt Axel Heil, selbst Kunstschaffender sowie Professor an der Kunstakademie Karlsruhe.

Herr Professor Heil, können Sie etwas mit der These anfangen, dass Kunst „Intuition“ ist, weil sie sozusagen dem Bauch entspringt und weniger dem Kopf?

Dass Intuition dem Bauch entspringt und weniger dem Kopf, ist nicht mehr als eine Redensart, die einen Gegensatz andeuten soll. Ich ziehe Joseph Beuys vor, der gesagt hat: „Ich denke sowieso mit dem Knie.“ Die Zuweisung, mit welchem Organ jemand denkt oder fühlt, überlasse ich den Physiologen (lacht). Künstlerisches Tun ist eine stetige Entwicklung, eine Wiederholung der immer gleichen Fragen: Wie und warum mache ich etwas? Eine Arbeit, die gleichwohl vom Überraschungsmoment lebt – für den Künstler natürlich, aber auch für den potenziellen Betrachter.

Axel Heil: Ghosts of Chance – Hinterm Schrank II, 1999/2012; Installationsansicht „Analogue Delay“; Städtisches Museum Spendhaus Reutlingen 2012

Sie selbst sind Kunstschaffender. Welche Rolle spielt Intuition in Ihrer Kunstproduktion?

Intuition ist für mich Unmittelbarkeit, Schnelligkeit beim Zugriff auf eine Idee, das alles im Feld der Inspiriertheit. Es ist der Moment, wo zu der Idee, die man mit sich herumschleppt, der gewisse Dreh hinzukommt, die Ahnung: Das klappt! Ganz entscheidend bei der künstlerischen Arbeit ist ja die Sichtbarwerdung der Idee. Intuition spielt dabei eine wichtige Rolle. Ein schönes Beispiel für dieses Sichtbarmachen ist Joseph Beuys’ „Intuitionskiste“: Eine schlichte, oben offene Holzkiste, in die er mit Bleistift „Intuition“ schrieb. Der Witz an der Kiste ist, dass Beuys sie erst durch die Bezeichnung als „Intuitionskiste“ von einer Kiste für Schuhcreme unterscheidet. Er sagt damit auch: Intuition braucht einen Rahmen, einen Ort. Die Kiste hilft bei einer Fixierung der Intuition. Erst durch die Fixierung wird sie sichtbar! Das Ganze steht also auf der Metaebene für das Sichtbarmachen einer Idee. Das ist natürlich eine sehr intellektuelle Herangehensweise (lacht). Grundsätzlich würde ich sagen, dass bei vielen der Künstler, die mich interessieren, die Hand schneller ist als der Kopf. Was aber nicht bedeutet, dass hier der Bauch arbeitet, sondern das hat eher etwas mit einer gewissen Fertigkeit zu tun, mit Talent, aber auch mit provoziertem Scheitern.

Professor Axel Heil von der Kunstakademie Karlsruhe
Axel Heil, Professor an der Kunstakademie Karlsruhe und selbst Kunstschaffender

Sie unterrichten auch Kunst an der Kunstakademie Karlsruhe – und analysieren dabei zwangsläufig Kunstwerke. Welche Rolle spielt Intuition bei der Rezeption von Kunst?

Kunst kommt von Kunst, nicht von Können: Jeder Künstler beschäftigt sich in einem Ausmaß mit Kunst, den sich die meisten Betrachter gar nicht vorstellen können. Bei der Rezeption ist es so: Ich sehe nicht einfach, was ich sehe, sondern ich sehe nur, was ich weiß! Dieses Wissen der Studenten zu erweitern, ist die Grundlage der Arbeit an der Hochschule. Ob man ein Bild intuitiv richtig erfassen kann, weiß ich nicht. Was ist „richtig“? Schauen Sie: Ein Museumsbesucher verweilt durchschnittlich etwa eine Minute bei einem Bild. Er kann sich natürlich intuitiv von einem Werk angezogen oder abgestoßen fühlen, das ja. Dieses „Hopp oder Top“: Bleibt er stehen oder nicht? Das mag etwas mit Intuition zu tun haben.

Kann ein Künstler ein Kunstwerk schaffen, ganz ohne Regeln zu folgen? Kann es ohne "Handwerk" gehen?

Regeln und Handwerk möchte ich unterscheiden: Ich halte die seit der Moderne vertretene Theorie, dass Kunst immer eine Regelverletzung sein muss, immer einen "Neuigkeitswert" besitzen muss, in der Praxis für übertrieben. Wenn man sich umschaut, lebt ein Großteil der Kunst von der Piraterie - vom schon Gesehenen zum neu Gemachten. Und zum Handwerk: Für mich ist "gute" Kunst meist auch deswegen interessant, weil sie technisch gut gemacht ist. Dafür muss ein Künstler die Mittel, die er einsetzt, natürlich reflektieren! Kunst zu schaffen, hat mit Handwerk zu tun, mit Professionalität und mit Erfahrung. Ein Kunstwerk zu schaffen, ist angesiedelt zwischen dem "Making-of" und dem "Wunder": In einem bestimmten Moment seiner Arbeit weiß der Künstler als genialer Dilettant, wie er das Licht einfangen kann - das würde ich den Moment der Intuition nennen. Ich mag allerdings lieber die Vorstellung vom Musenkuss. Aber man muss etwas dafür tun, dass die Muse einen ereilt, man muss ein Möglichkeitsfeld schaffen. Die stillen Nachmittagsstunden abwarten, in denen sie überraschend vorbeikommen kann.

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