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Interview mit Prof. Dr. Thomas Schack

Born to run

Prof. Dr. Thomas Schack leitet an der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld den Arbeitsbereich „Neurokognition und Bewegung/Biomechanik“. Er analysiert hier die kognitive Architektur menschlicher Bewegung und arbeitet die Erkenntnisse für technische Systeme auf.

Angewandt werden sie unter anderem im Leistungssport, der Robotik und der Rehabilitation. „Und ganz nebenbei", sagt der Kognitionspsychologe, „lernen wir die Evolution von Intelligenz und Bewegung verstehen.“

Herr Professor Schack, warum war und ist Bewegung wichtig für den Menschen?

Bewegung ist eine zentrale Dimension der menschlichen Interaktion – und menschlicher Intelligenz. In den vergangenen 20 Jahren hat die Intelligenzforschung ein neues Verständnis entwickelt, nach dem der Körper der Ausgangspunkt kognitiver Prozesse ist. Wir sehen dies auch in der Robotik: Wenn ein System nicht fähig ist, sich zu bewegen, ist es nicht intelligent. Ein Großteil unserer geistigen Fähigkeiten baut also direkt auf Bewegung auf.

Welche Bedeutung hat die menschliche Beweglichkeit evolutionsgeschichtlich betrachtet?

Im Zentrum steht natürlich das Überleben der Population: Bewegung ist ein Element der Naturauseinandersetzung, der Nahrungssuche und -aufnahme. Im Laufe der Evolution haben Lebewesen beispielsweise zyklische Bewegungen entwickelt, auf die wir heute noch beim Laufen oder Radfahren zurückgreifen. Mit jedem neuen Entwicklungsschritt haben sich neue Bewegungsmuster etabliert, sukzessive entwickelte sich dabei das Zusammenspiel von Gehirn, Gedächtnis und Bewegung.

Wie viel Bewegung braucht der Mensch?

Bewegung ist ja nicht nur Sport, sondern Laufen, Singen, Lachen, Reden, Musizieren usw. Menschliches Dasein ist ohne Bewegung nicht möglich. Rein sportlich betrachtet sind aus meiner Sicht zwei- bis dreimal pro Woche 50 bis 60 Minuten gesundheitlich ein gutes Maß. Auch wenn jemand Gitarre spielt, zähle ich das als Zeit, in der er seinem Körper Raum gibt. Denn darum geht es meines Erachtens: sich regelmäßig zu erinnern, dass man als Mensch „verkörpert“ ist.

Macht körperliche Bewegung also ausgeglichener? Warum ist das so, wenn ich doch gar kein „Ziel“ damit erreiche – also kein Mammut nach Hause bringe?

Auch wenn Bewegung für die Nahrungsbeschaffung per Jagd definitiv nicht mehr nötig ist, erfahren wir durch sie eine Belohnung. Sie kann uns das Gefühl von Selbstvergessenheit erleben lassen, den sogenannten Flow, wie man ihn auch vom Spiel kennt. Das Eintauchen in eine andere Aufmerksamkeitsform. Rein physiologisch betrachtet, schüttet der Körper bei Anstrengung Endorphine aus, die diesen Effekt hervorrufen. Ich denke aber, es ist mehr als das: Während des Sports wird die Tätigkeit des Frontalhirns heruntergefahren, inklusive der dort verankerten Prozesse. Anders gesagt: Sport kann die Psyche für die Dauer der Bewegung von anderen Dingen entlasten. Und natürlich ist Sport ein ideales Spielfeld, um sich Ziele zu setzen und um das Gefühl der Handlungskontrolle zu erleben.

Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen Gehirn, Nerven und Muskeln?

Der Mensch verfügt über etwa 650 Muskeln. Eine grundlegende Aufgabe besteht darin, zu steuern, welche dieser Muskeln wir für eine gezielte Bewegung NICHT benötigen. Wir leiden sozusagen unter überflüssigen Freiheitsgraden, die es zu reduzieren gilt. Bei meinem Modell der kognitiven Architektur von Bewegungen gehe ich davon aus, dass die oberste Ebene im Bereich der Zielsetzung und mentalen Kontrolle liegt. Anders gesagt: Der Wille bestimmt das WAS. Dann kommen der Motorkortex und das Kleinhirn ins Spiel für die Frage des WIE. Und die Umsetzung schließlich läuft über den Hirnstamm, das Rückenmark und die Motoneuronen, die die Muskelbewegung auslösen und ansteuern.

Welche Rolle spielt das Gedächtnis bei Bewegungen? Inwiefern ist Bewusstsein relevant für Bewegungsabläufe?

Viele Bewegungsabläufe sind automatisiert, für sie benötigt der Mensch sein Bewusstsein nicht. Jedoch sind auch die automatisierten Bewegungen nicht vorab im Körper gespeichert, sondern bauen auf unserem Gedächtnis auf. Scheinbar simpelste Bewegungen haben wir als Kind erlernt und gespeichert. Einen Ball zu fangen. Mit den Knien abzufedern, wenn wir irgendwo runterspringen. Das Interessante daran ist: Wir speichern Teilbewegungen genauso wie wir zum Beispiel Wissen aus Büchern speichern. Ja, es scheint sogar so zu sein, dass wir zuerst Teilbewegungen gespeichert und damit der Fähigkeit weiterer Gedächtnisleistung erst die Tür geöffnet haben.

Welche Bedeutung hat körperliche Bewegung für das Lernen und die Lernfähigkeit des Menschen? Macht körperliche Bewegung auch den Geist reger?

Es ist nachweisbar, dass Bewegung das Wachstum von Gehirnzellen aktiviert. Wir beobachten außerdem, dass Kinder sich heutzutage immer weniger bewegen. Gleichzeitig nehmen Phänomene wie Dyslexie oder Dyskalkulie zu. Ich würde es aber eher psychologisch sehen wollen: Wer Sport in sein Leben einplant, der gewinnt Abstand zu den Dingen; aus der Distanz kann er sie aus anderer Perspektive sehen und neue Gedanken entwickeln.

Was passiert, wenn der Mensch sich nicht ausreichend bewegt?

Natürlich muss nicht zwangsläufig krank werden, wer sich wenig bewegt. Aber sowohl physiologisch als auch psychologisch und schlicht unter dem Aspekt der Lebensqualität betrachtet, ist Bewegung von Vorteil. Sie ist unsere zentrale Daseinsform, der Mensch definiert sich anthropologisch darüber, dass er sich bewegt.

Welche Eigenschaften fördert Sport? Und inwiefern sind diese interessant für Unternehmen?

Ich würde hier Zielsetzungsfähigkeit nennen, Willen, Handlungskontrolle, Disziplin, Durchhaltevermögen, Ausgeglichenheit. Viele Eigenschaften mögen sich auf den Sportbereich beschränken. Aber es ist schon so, dass jemand, der die strategische Planungsfähigkeit besitzt, Sport zu treiben, diese wohl auch bei der Arbeit an den Tag zu legen vermag. Menschen, die Sport treiben, sind meist integrierte Personen, sie sind besser bei Problemlösungsprozessen, befreien sich leichter aus Gedankenschleifen und lösen kognitive Knoten.

Im englischsprachigen Raum benutzt man „to run a business“ als Ausdruck dafür, ein Geschäft zu führen. Korrelieren Ertüchtigung und Tüchtigkeit?

Hm. Auch Winston Churchill mit seiner Devise „No sports!“ war ja durchaus erfolgreich. Aber ich würde schon sagen, dass sich körperliche Fitness auch in einer stärkeren Präsenz zeigt, in einem körperlich sicheren Auftreten. Eine Eigenschaft, die als Führungskraft sicher nicht von Nachteil ist. Wer von Jugend an Mannschaftssport betreibt, erfährt zudem Vorteile von Fairness oder entwickelt soziale Kompetenz.

Wie schaffe ich es, mich zu motivieren? Reines Vergnügen an der Bewegung zu empfinden?

Wichtig ist es, sich erreichbare Ziele zu setzen. Den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem ich mit meinem Sport beginnen will. Die entsprechende Kleidung zu bestimmen und zu besorgen. Und natürlich über das Vorhaben zu kommunizieren und Verbündete zu suchen. Sich kleine Ziele zu stecken, die Erfolgserlebnisse versprechen. Zehn Minuten zu laufen und sich darüber zu freuen, dass man sich aufgerafft hat – und dann eventuell weiterlaufen. Anstatt 50 Minuten zu planen und sich zu grämen, weil man schnell außer Puste ist. Sich langsam zu steigern – sodass man Lust dazu hat.

Gibt es eine Grenze, ab der Sport ungesund wird?

Ich würde eine solche nicht an einer Anzahl von Kilometern festmachen. Es gibt Menschen, die sportsüchtig sind, sicher nicht viele, aber es gibt sie. Die sich die Füße bis auf die Knochen durchlaufen oder so viel Sport treiben, dass ihr soziales Umfeld daran zugrunde geht. Wenn jemand nicht mehr souverän entscheiden kann, ob er Sport machen soll oder nicht, also abhängig wird, dann wird’s ungesund.

Wird sich der menschliche Körper langfristig an die Zivilisation mit der ausbleibenden Bewegungsnotwendigkeit anpassen?

Nein. Unser Körper bleibt uns. Wir sollten also Bewegung als Grundvoraussetzung erkennen: Wir müssen uns bewegen, auch wenn die Umwelt das von uns nicht mehr verlangt. Unser physiologisches System muss bewegt werden. Je mehr wir in künstlichen Welten oder vor dem Computer verharren, desto lebensunfähiger können wir werden; zum Beispiel, weil wir unsere Intuition verlieren. Deswegen würde ich die Frage gerne umdrehen und schauen, wie sich technisch-virtuelle Welt und körperliches Bewegungssystem vereinbaren lassen. Wir entwickeln am CIT-EC-Center-of-Excellence in Bielefeld verschiedene Dinge in dieser Hinsicht, zum Beispiel interaktionsfähige Roboter und einen virtuellen Coach.

Inwiefern lassen sich die Erkenntnisse über das menschliche Bewegungsvermögen außerdem nutzen?

Mit der Robotik übertragen wir das menschliche Know-how auf digitale Plattformen – auch, um daraus wieder Rückschlüsse auf den Menschen zu ziehen. Ein Ziel etwa ist eine individualisierte Rehabilitation. Hatte ein Mensch einen Schlaganfall, analysieren wir die Gedächtnismuster dieses Menschen, um ein eigens auf ihn abgestimmtes Reha-Programm zu entwickeln. Roboter sind dabei eine Testplattform für das, was wir über die menschlichen Bewegungsabläufe gelernt haben oder vermuten.

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