HaysWorld
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Blind
vertrauen

Verena Bentele umtriebig zu nennen wäre eine Unter­treibung. Von Geburt an blind, gewann sie als Biathletin und Langläuferin zwölf Goldmedaillen bei den Paralympics und holte viermal WM-Gold. Daneben studierte sie Neuere Deutsche Literatur, Linguistik und Pädagogik und arbeitete danach als Coach u.a. für die Allianz, Daimler und Microsoft. Seit 2014 ist sie Behinderten­beauftragte der Bundesregierung. „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“, so die Zusammen­fassung ihrer Erfahrungen und Titel ihres Anfang des Jahres erschienenen Buches.

Berlin, Ende Juni. Verena Bentele steckt im Stress. Gerade war sie auf einer Tagung in New York, kommende Woche stehen Termine in Potsdam, Berlin und München auf dem Programm und am dazwischen liegenden Wochenende will sie gemeinsam mit ihrem Piloten den norwegischen Radmarathon von Trondheim nach Oslo fahren. 540 Kilometer. „Ich bin nicht optimal vorbereitet“, sagt Bentele, „aber so gut, wie es in meiner derzeitigen beruflichen Situation eben geht. Und ich vertraue darauf, dass Alex und ich es gemeinsam schon schaffen.“ Da ist es, das Schlüsselwort: Vertrauen. Es spielt eine wichtige Rolle in Verena Benteles Leben. Eine wichtigere als im Leben anderer Menschen? „Vertrauen ist für alle ein großes Thema. Natürlich beschäftigt es mich aufgrund meiner Sehbehinderung in besonderer Weise, vor allem aber ist es relevant für mich als Sportlerin, die immer noch mehr aus sich herausholen will.“

Tempo könnte Verena Benteles zweiter Vorname sein. Egal, was sie macht, sie macht es flott – dass sie deswegen öfter mal gegen Baucontainer, Mülleimer oder Verkehrsschilder läuft, nimmt sie in Kauf. „Ich bin es gewohnt, aufzustehen und weiterzulaufen, Liegenbleiben ist keine Option.“ Schon als Kind habe sie Hindernisse, die aus ihrer Blindheit resultierten, nicht akzeptiert. Und ihre Eltern ließen ihr die Freiheit, ihre Grenzen zu erweitern – auch wenn das die eine oder andere Verletzung bedeutete. So autonom sie heute durchs Leben läuft, als Sportlerin geht es nicht ohne Begleiter. Hier leiht ihr der Begleit­läufer seine Augen, sie muss sich hundertprozentig darauf verlassen können, dass seine Ansagen korrekt sind. Was geschieht, wenn sie es nicht sind, musste Verena Bentele während der Deutschen Meisterschaften in den nordischen Disziplinen 2009 erleben. Ihr Begleitläufer verwechselte links und rechts, Bentele stürzte. Ein Kreuzbandriss am rechten Knie, eine verletzte Leber und eine bleibend geschädigte Niere sind die Folge. Schlimmer jedoch als die Verletzungen wog der Vertrauensverlust, die Angst, dass sich eine solche Situation wiederholen könnte.

Raus aus der Komfortzone

Verena Bentele
Verena Bentele

Dass sie wieder Sport machen will, ja MUSS, wird ihr, die ihr Leben lang in Bewegung war, schnell klar. Dass ihr die spektakuläre Rückkehr in den Leistungssport gelingt, verdankt sie auch ihrer Fähigkeit, Hilfe anzunehmen. Sie braucht jemanden, dem sie – eben nicht nur buchstäblich – blind vertraut. Im früheren Begleitläufer ihres ebenfalls blinden Bruders wird sie fündig. Zehn Monate hat sie, um sich mit ihm auf die Paralympics in Vancouver vorzubereiten. Im März 2010 schließlich ist es so weit: Fünfmal steht sie auf dem Siegertreppchen – fünfmal Gold.

Seitdem weiß sie, „dass Vertrauen eine Fähigkeit ist, die man genauso trainieren kann wie Kraft und Ausdauer“. Ganz wesentlich dabei: sich ein Ziel zu setzen, an das man sich schrittweise herantastet. Kleine Erfolge zu verbuchen, die man braucht, um Vertrauen zu entwickeln. Und, ganz wesentlich: sich aktiv Unterstützung zu suchen. Sie selbst hat immer noch Angst davor, eine Situation falsch einzuschätzen, aufgrund mangelnder Kompetenz oder weil ihr das nötige Wissen fehlt. Und genau an diesen krisenhaften Punkten hilft ihr nur eines: Vertrauen. In sich selbst, in ihre Umgebung. „Nur wer Angst kennt, weiß um den Wert von Vertrauen.“ Die maximale Freiheit erfährt, wer seine Grenzen verschiebt. Und es scheint ein bisschen so, als wäre sie stets auf der Suche nach der nächsten Herausforderung: Im Base Flying, einer modernen Extremsportart, bei der man von einem hohen Gebäude, angeseilt und gesichert, in die Tiefe fliegt, übt sie den freien Fall, 2011 überquert sie trotz gebrochenen Arms mit dem Tandem die Alpen, 2013 besteigt sie den Kilimandscharo. Und den Radmarathon 2014, auf den sie sich Ende Juni vorbereitete? Schafft sie in 22 Stunden und 23 Minuten.

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