HaysWorld
Archiv

Hier finden Sie alle Ausgaben der HaysWorld seit Oktober 2009. Sie können jeweils entweder die Gesamtausgabe oder einzelne Artikel als PDF herunterladen.

Zum PDF-Archiv

HaysWorld 01/18
ENTSCHEIDEN

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/17
MUT

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/17
EINFACHHEIT

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/16
KREISLAUF

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/16
STRUKTUREN

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/15
LEISTUNG

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/15
FÜHRUNG

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/14
VERTRAUEN

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/14
TEAMS

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/13
Intuition

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/13
Bewegung

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/12
Spielen

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/12
Intelligenz

Zur Online-Ausgabe

Nach der Hochzeit
flogen die Messer

In der Zirkuswelt sind sie berühmt: die Messer­werfer Giacomo Sterza und Elena Busnelli alias „The Jasters“. Sie stehen nicht nur gemeinsam im Rampenlicht, sondern sind auch seit zwanzig Jahren verheiratet. Wie klappt das und was passiert, wenn sie mal streiten? Die Artisten schildern in zwei Protokollen ihre Sicht der Dinge.

Wenn mein Leben ein Lied wäre, dann ein Rocksong. Laut, bewegend, mysteriös.  

Geboren wurde ich am 24. Juni 1968 in Cremona, einer Kleinstadt in Norditalien, als Sohn einer Akrobatenfamilie. Als Kind reiste ich mit dem Zirkus meines Vaters durch Italien, ging zur Schule und trainierte die Zirkuskünste. Damals sah ich einem Messerwerfer bei seinem Auftritt zu und war sofort fasziniert. Ich probierte es aus, warf aber noch nicht auf Menschen, denn zu der Zeit arbeitete ich noch als Akrobat am Trapez.

Erst nach der Hochzeit flogen die Messer. Mein erstes menschliches Ziel war meine Frau. Wir wollten gemeinsam als Messerwerfer arbeiten. Wenn die Klinge auf Elena zufliegt, darf ich nicht an die Liebe denken, die ich für sie empfinde. In diesem Moment gibt es keine Gefühle, sondern nur Verantwortung und Professionalität.

Eine Stunde vor unserem Auftritt kontrolliere ich die Waffen und die Geräte. Meine Armbrust darf außer mir niemand berühren, sie muss zu hundert Prozent funktionieren. Wenn man Pfeile schießt oder Messer wirft, ist das genau wie mit anderen Dingen – man ist nie ganz sicher, wo sie landen. Ich tue alles, um das Risiko zu minimieren.

Niemals würde ich mit einer anderen Frau die Show machen. Meine Partnerin braucht Mut, und wir bewegen uns komplett synchron, alles ist durchgetaktet. Die Basis für unsere Nummer ist unser Vertrauen zueinander und unsere Leidenschaft für das Messerwerfen und die Zirkuskunst.

Manchmal knallt die Klinge zu nah an Elena in die Scheibe. Da begreife ich, dass ich nicht perfekt bin. Deswegen muss ich immer konzentriert sein. Das fängt lange vor dem Wurf an und steigert sich, bis die Show beginnt. Irgendwann bin ich elektrisiert. Der Höhepunkt naht: Ich visiere mit der Armbrust einen Apfel an, den Elena auf ihrem Kopf hält: der Wilhelm-Tell-Schuss. Am Ende werfe ich meine Messer auf eine Scheibe, die sich atem­beraubend schnell dreht. Elena liegt dort gefesselt. Es ist fast unmöglich, beide Techniken in einer Nummer zu kombinieren. Das Messerwerfen kostet Kraft, ich schnaufe, ich pumpe. Beim Armbrustschießen halte ich den Atem an. Vielleicht liegt darin das Geheimnis der Show: Man weiß immer, wie sie losgeht, aber nie, wie sie endet.

Wenn mein Leben ein Lied wäre, hätte es einen frenetischen Samba-Rhythmus. Diese wilde, unberechenbare Musik könnte den Takt meines Lebens angeben.

Geboren bin ich am 14. Mai 1972 in San Donà di Piave in der Provinz Venedig. Meine Großeltern lebten in einer Zirkusfamilie, und meine Eltern führten einen Zirkus in Italien. Dort habe ich meine Kindheit verbracht, unter Akrobaten und Clowns. Ich träumte davon, Balletttänzerin zu werden. Natürlich kam es anders.

Meinen späteren Ehemann Giacomo traf ich, als unsere Eltern ihre Zirkusse vereinten. Er arbeitete damals als Trapezkünstler. Wir verliebten uns und heirateten vor 20 Jahren. Es war eine große kirchliche Feier mit Verwandten aus der ganzen Welt. Als Artisten arbeiten wir überall, immer wieder reisen wir in andere Städte und Länder. Deswegen suchten Giacomo und ich nach der Hochzeit einen Weg, zusammen aufzutreten. Wir probten einige Monate lang und starteten als Messerwerfer auf einem Zirkusfestival in Verona. Seither trainieren und
arbeiten wir jeden Tag, wir treten oft mehrmals am Tag auf, Ruhetage sind selten.

Giacomo ist beinahe besessen von seiner Arbeit. Manchmal frage ich mich: Liebt er seine Messer mehr als mich? Mein Mann ist der Einzige, mit dem ich auftrete, nur ihm vertraue ich. Wenn einer von uns krank ist, sagen wir die Show ab. Wir sind Eheleute und streiten natürlich auch. Wenn mein Mann wirklich wütend ist, haut er schnell mal ab. Er hat die Messer, aber ich habe die schärferen Worte. Manchmal zanken wir sogar vor einem Auftritt. Dann müssen wir uns zusammenreißen und uns ausschließlich auf die Show konzentrieren. Wir haben bislang keine Nummer vermasselt. Hey, wir sind Profis!

Noch nie wurde ich bei einem Auftritt oder beim Trainieren verletzt. Aber natürlich weiß ich nicht zu hundert Prozent, dass alles gut geht. Manchmal schlägt die Messerspitze sehr dicht neben mir ein. Da schaue ich Giacomo böse an. Er ist manchmal zu eitel, und ich muss ihn bremsen.

Ich habe keine Angst, wenn wir im Rampenlicht stehen, nicht einen Augenblick. Das ist eher Anspannung als Angst, und ich muss angespannt und konzentriert sein, damit die Nummer gelingt. Zum Schluss der Show liege ich gefesselt auf einer Scheibe, die sich wahnsinnig schnell dreht, auf der „Todesscheibe“. Wäre diese Nummer ein Lied, dann Mission Impossible.

Artikel als PDF downloaden