HaysWorld
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HaysWorld 02/18
DIE ARBEIT RUFT

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HaysWorld 01/18
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HaysWorld 01/17
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HaysWorld 01/16
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HaysWorld 01/12
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HaysWorld 02/12
Intelligenz

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DIE IDEEN-
MAKLER

Die Welt vernetzt sich, wird komplexer, fast undurchschaubar. Dabei sind Manager und Politiker auf schnelle Entscheidungen angewiesen. Sie suchen deshalb Rat bei Leuten, die sich auf das Denken spezialisiert haben.

Als Martin Thunert noch nicht Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg lehrte, sondern in den 1990er- Jahren als Praktikant am Kongress in Washington, D. C., arbeitete, ist er auf eine Frage gestoßen, die seine Karriere stark beeinflussen sollte: Wie einflussreich sind Think Tanks? Thunert staunte bei den Anhörungen der Kongressausschüsse darüber, welch große Rolle Think Tanks im Prozess der politischen Entscheidungsfindung in den USA spielten. Er wollte wissen, ob es Ähnliches in Deutschland gab.

Entstanden ist der Begriff „Think Tank“ während des Zweiten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten. Er bezeichnete geheime Treffen an abhörsicheren Orten, um militärische Strategien zu erarbeiten. In den USA etablierte sich der Name ab den 1960er-Jahren für private Forschungsinstitute. In Deutschland setzte er sich zur Jahrtausendwende durch. Rund 200 Think Tanks gibt es heute in Deutschland, etwa 7.000 weltweit, knapp 50 Prozent davon in Nordamerika.

Als Thunert in den 1990er-Jahren begann, die Szene für seine Habilitation zu beobachten, war er einer der Ersten, die dieses junge Feld betraten. Bis heute forscht und lehrt er dazu. Es gab damals einige Denkfabriken in Deutschland – allerdings nannten sie sich nicht so. Sie sahen sich als Forschungsinstitute, die ihr Fachwissen zu wirtschaftlichen oder politischen Problemen anboten. Eines davon war das 1914 gegründete Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, Deutschlands älteste Denkfabrik. Wie wirkt sich die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik aus? Bauen sich aktuell auf Märkten Blasen auf? Wie geht Deutschland mit seiner Exportstärke um? Das sind Fragen, die das Kieler Institut beantwortet.

Wirtschaft, Wissenschaft und Politik an einen Tisch bringen

Das IfW arbeitet für Bundes- und Länderministerien, die EU-Kommission oder im Einzelfall für ausländische Regierungen und verfügt über ein Budget von rund zwölf Millionen Euro. Rund zwei Drittel davon sind die feste Grundfinanzierung von Bund und Ländern. Interne Zentren, wie das Prognosezentrum oder das Zentrum für Wirtschaftspolitik, konzentrieren sich ausschließlich auf die Beratung, sprich: die Think-Tank-Arbeit. Zudem veranstaltet das IfW einmal jährlich das Global Economic Symposium. „Wir bringen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik an einen Tisch“, sagt IfW-Sprecher Guido Warlimont.

Das Wirtschaftsinstitut beschäftigt 170 Mitarbeiter, 100 davon sind Forscher. „Man nimmt unsere Stimme in Politik und Öffentlichkeit wahr, wir werden oft angefragt und angehört“, sagt Warlimont. So wenden sich zum Beispiel Journalisten an das Institut, wenn es um aktuelle, schwer durchschaubare Wirtschaftsthemen wie die Einschätzung der Situation in Griechenland geht. Politiker fordern Gutachten zu komplexen Wirtschaftsfragen, die Bundesregierung schrieb zum Beispiel ein Forschungsprojekt zur Finanzstabilität im Euroraum aus. Doch der Einfluss hat Grenzen. „Manchmal hören wir: Euer Vorschlag ist sinnvoll, dafür kriegen wir aber keine politische Mehrheit.“

Die hundertjährige Tradition, auf die das IfW zurückblickt, ist in der deutschen Think-Tank-Szene eine Ausnahme. Die meisten der Denkfabriken hierzulande entstanden in den vergangenen 25 Jahren – einer Zeit also, in der sich unsere Gesellschaft zunehmend vernetzte, komplexer wurde und die Öffentlichkeit mehr und mehr nach Orientierung verlangt. Manager, Politiker und Journalisten geraten dabei häufig unter Druck, schnell zu reagieren, und sind deshalb auf Expertenwissen und Ideen von außen angewiesen. Sie suchen Rat bei Leuten, die sich auf das Denken spezialisiert haben.
 
Einer dieser jüngeren Think Tanks, die sich erfolgreich etabliert haben, ist das Ecologic Institut, mit Hauptsitz in Berlin. Die Wissenschaftler betreiben Umweltforschung. Sie verstehen das Institut als Garten, in dem sie Wissen anpflanzen, das zu guten Ideen für die Umweltpolitik heranreift. Die Denkfabrik unterstützte beispielsweise die Bundesregierung beim Atomausstieg und entwickelte das Erneuerbare-Energien-Gesetz mit.

Denkfabriken stehen mit einem Bein in der Wissenschaft

Auf etwa sieben Millionen Euro beläuft sich der Etat des Ecologic Instituts, das auf eine Grundfinanzierung aus öffentlichen oder privaten Mitteln verzichten muss und sich stattdessen durch das Einwerben von Projektmitteln finanziert. Förderer sind insbesondere die Europäische Union, aber auch Ministerien und Behörden auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene. Die rund 150 Mitarbeiter sind Politik- und Sozialwissenschafter, Naturwissenschaftler, Rechtsanwälte, Geographen oder Psychologen und kommen aus technischen Disziplinen. „Dies ist ein Vorteil gegenüber der Forschung an Universitäten, wo die Disziplinen strikt voneinander getrennt sind“, sagt Thunert.

Der Politologe beobachtet in Deutschland eine bunte Think-Tank-Landschaft: Quantitativ sind die Institute besonders gut in der Wirtschafts-, der Entwicklungs- und der internationalen Politik vertreten, ebenfalls stark aufgestellt sind sie in der Umwelt- und Technikforschung. Think Tanks, die sich auf Familienpolitik oder bestimmte Bereiche der Bildungspolitik sowie auf die Themen Minderheiten, Zuwanderung und Integration konzentrieren, sieht Thunert dagegen als unterrepräsentiert an. Insgesamt, so seine Einschätzung, gestalteten die deutschen Think Tanks gesellschaftliche Debatten und politische Entscheidungen aber mit: „Denkfabriken sind Ideenmakler. Sie stehen mit einem Bein in der Wissenschaft und wollen herausfinden, was die Gesellschaft besser macht.“

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