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DER SOG

Einatmen, ausatmen. Einatmen, einatmen, einatmen – und die nächsten drei Minuten nicht mehr ausatmen. Den Kopf unter Wasser drücken, das Seil fassen und hinabgleiten. In die Tiefe. Ins Dunkle. In die Kälte. Zehn Meter, 20 Meter. Der Druck nimmt zu. 60 Meter. Endlich die 80-Meter-Marke: ankommen. Und dann nicht der Versuchung nachgeben, dort zu bleiben und zu schweben, die Zeit zu belauschen – einfach nur zu sein.

Am 29. Juli 2011 gelingt Jonas Krahn im polnischen Hancza-See der tiefste Tauchgang seines Lebens. Mit 80 Metern hält er seitdem den deutschen Rekord in der Disziplin "Free Immersion im See": im Apnoetauchen, ohne Atemgeräte, nur mit angehaltenem Atem. Als Kind hatte er den Film "Im Rausch der Tiefe" gesehen, der in faszinierenden Unterwasser-Aufnahmen die Geschichte vom Wettkampf zweier Apnoetaucher erzählt. "Ich habe gar nicht kapiert, dass das keine Fiktion ist, dass es diese Art zu tauchen wirklich gibt", sagt Krahn heute. Als er es realisierte, war er 18 Jahre alt und suchte sich einen Tauchverein.

Beim Apnoetauchen - oder Freediving - kommt den Sportlern der Tauchreflex zugute: Sobald Mund und Nase unter Wasser sind, verlangsamt sich der Puls, sodass die Sauerstoffreserven im Blut länger reichen. Eine Fähigkeit, die sich trainieren lässt: Der Rekord liegt aktuell bei elf Minuten und 35 Sekunden in der Disziplin "Static Apnea". Dabei ruhen die Sportler mit dem Gesicht nach unten auf der Wasseroberfläche. Eine solche Zeit ist bei den Apnoedisziplinen mit Bewegung nicht drin, weil die Muskelarbeit Sauerstoff verbraucht; hier werden die Leistungen in Metern gemessen. 173 Meter weit etwa tauchte Krahn im August 2014 im Crostwitzer See - erneut deutscher Rekord, diesmal in der Disziplin "Dynamic with Fins". Nicht umsonst wird Krahn "der Seekönig" genannt.

Die eigentliche Leistung beim Tieftauchen: das Beherrschen der Situation

In Wettkampfzeiten trainiert er drei- bis viermal in der Woche. "Man muss in den Grenzbereich, in dem das eigentlich notwendige Sauerstoff-Level fast unterschritten wird, so gewöhnt sich der Körper daran", erklärt der 30-Jährige. Allerdings droht dann auch eine Ohnmacht, weshalb Apnoetaucher nie ohne Partner trainieren, die sie zur Not aus dem Wasser ziehen können. Besonders wichtig ist das beim Tieftauchen, der Königsdisziplin. Aufgrund der Druckverhältnisse steigt ab einer Tiefe von etwa 30 Metern der Stickstoffgehalt im Blut und eine Narkosewirkung tritt ein, besser bekannt als Tiefenrausch. "Bei mir bemerke ich diesen Zustand ab einer Tiefe von etwa 50 Metern", sagt Krahn. "Die Gedankengänge werden langsamer, man ist leicht euphorisch - damit steigt dann auch die Gefahr, dass man die Zeit aus den Augen verliert und zu lange unten bleibt." Die eigentliche Leistung beim Tieftauchen sei deshalb auch weniger das Atemhalten oder der Druckausgleich, sondern das Beherrschen der Situation.

Viele sagen, das Tauchen im See sei eine deutlich größere mentale Herausforderung als das im Meer. Krahn beschreibt es so: "Im Meer empfinde ich ein Freiheitsgefühl, als würde sich alles öffnen. Der See dagegen ist in sich gekehrt, es ist viel früher dunkel, dann schwarz und eiskalt." Ab einer Tiefe von 20 Metern herrscht in den Seen eine Temperatur von vier Grad - zusammen mit dem Druck eine unbarmherzig frostige Umarmung. Von der mystisch blauen Unendlichkeit aus "Im Rausch der Tiefe" ist hier nichts zu spüren. "Da unten hat keiner was verloren - da ist ja nichts", sagt Krahn. Warum also tut er sich das an? "Schwer zu beschreiben", zögert er. "Der See hat den Vorteil, dass ich mit viel weniger Auftrieb zu kämpfen habe und dass es weder Wellengang noch Strömung gibt. Und natürlich ist da auch einfach die Möglichkeit, meine Grenzen zu erweitern. Wenn ich aus der Tiefe auftauche und das Gefühl habe, da wäre noch was gegangen, dann will ich das ausprobieren. Man kommt immer noch tiefer, das ist wie ein Sog."

Etwas Ähnliches muss Herbert Nitsch angetrieben haben, den wohl prominentesten Freediver überhaupt, als er sich im Juni 2012 im Meer vor Santorin von einem sogenannten Schlitten 253 Meter hinabziehen ließ. Zwar schaffte er die Tiefe, beim Auftauchen jedoch wurde er ohnmächtig und erlitt mehrere Schlaganfälle. Er hatte Glück, überlebte und trainiert mittlerweile sogar wieder. Andere, vor und nach ihm, starben.

Jonas Krahn lehnt dieses Extremtauchen, "No Limits" genannt, ab. "Das hat mit meinem Sport nichts zu tun, das ist reines Experiment", sagt er. Überhaupt sei er nicht mehr auf Rekordjagd. Stattdessen hat er eine Tauchlehrerausbildung gemacht und schult nun andere im Apnoetauchen. Hin und wieder mischt er dann aber doch noch bei Wettbewerben mit, so Mitte Juli 2015, beim ersten Distanztauchen in einem Fluss. 225 Meter schaffte er, mit Flossen. Weltrekord - wenn es die Disziplin offiziell gäbe.