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Interview mit Evelyne Binsack

ÜBER DIE LEISTUNGSGRENZE ZU GEHEN, ENDET TÖDLICH

Evelyne Binsack absolvierte als eine der ersten Frauen Europas die Ausbildung zur diplomierten Bergführerin, bestieg als erste Schweizerin den Mount Everest, bewältigte die Eigerwand im Alleingang und kletterte auf die höchsten Gipfel des Himalajas und der Anden. Ihre größte Herausforderung war das Extremabenteuer, von der Schweiz aus in 484 Tagen durch 16 Länder und ohne technische Hilfsmittel zum Südpol zu gelangen – nur mit dem Fahrrad, zu Fuß, per Ski und Schlitten.

Was benötigen Sie, um extreme Bergtouren zu bewältigen?

Bergsteigen ist vor allem eine Leidenschaft - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn ohne Leidensbereitschaft können keine extremen Leistungen am Berg vollbracht werden. Dazu braucht es sehr viel Übung, Training und Engagement. Die Lebenserwartung wird nicht sehr hoch sein, wenn man die Regeln, die einem der Berg aufzwingt, nicht zu verstehen lernt. Der Berg ist der "Chef". Dummköpfe gibt es sehr oft am Berg, auch im Leistungssport. Ich meine das nicht böse oder von oben herab. Aber wie bei allem muss man neben den technischen und körperlichen Fähigkeiten auch ein feines Gespür für die Psyche und die Beweggründe hinter der eigenen Leistung haben. Und man muss ein fairer Player bleiben.

Ist Bergsteigen für Sie Leistung?

Klar geht es beim Bergsteigen um Leistung. Sonst würde ich im Wald spazieren gehen und wäre dabei genauso glücklich. Die Leistung am Berg erfordert extrem viele Fertigkeiten, lässt im Gegenzug aber nicht nur die Muskeln und das Bewegungsgefühl, sondern auch die Psyche und die emotionalen Fähigkeiten wachsen.

Ein Beispiel: Sie haben Ihren letzten Cent vom Bankkonto abgehoben, um das Geld in eine Expedition zu investieren. Es ist somit zwingend, dass Sie erfolgreich sind, um Einkommen zu generieren, indem Sie über Ihr Abenteuer Bücher schreiben oder Vorträge halten. Dann stehen Sie nach über zwei Monaten mühseliger Vorarbeit auf einer Höhe von 8.450 Metern, 400 Höhenmeter trennen Sie vom Gipfel. Der letzte Tag, der Gipfel ist greifbar nahe. Kurz vor dem Gipfel passiert das, womit Sie nicht gerechnet haben: Ein anderer, Ihnen unbekannter Bergsteiger gerät in Not. Er braucht sofort Hilfe, sonst stirbt er. Was glauben Sie? Würden Sie auf den Gipfel verzichten, um der unbekannten Person zu helfen?

Viele Menschen glauben zu wissen, wie sie in einer solchen Situation reagieren würden. Sie haben eine Erwartung an sich und gelebte Werte. Doch die bittere Tatsache ist: 95 Prozent aller Menschen steigen an Notleidenden vorbei. Gehören Sie zu den anderen fünf Prozent? Sichere Antworten darauf kann man sich selbst nur dann geben, wenn man mit einer solchen Situation konfrontiert wird.

Was bedeutet Leistung für Sie?

Leistung ist für mich, wenn ein Mensch seine Talente nutzt und ausbaut. Und die Bereitschaft hat, für ein hohes Ziel einen hohen Einsatz zu leisten. Dabei haben wir aber die allerwichtigste Sache noch nicht berücksichtigt: den Sinn.

Eine Leistung zu vollbringen, durch die andere Schaden erleiden oder durch die man sich selbst Schaden zufügt, ist verwerflich. Und trotzdem muss jeder eingestehen, ob im Business oder im Sport, dass Leistung selten ohne Opfer anderer erbracht werden kann. Wenn andere freiwillig Opfer für mein Ziel erbringen, dann ist das o. k. Wenn man aber Opfer von seinen Leuten verlangt, ohne sie dafür gebührend zu honorieren und wertzuschätzen, wird die eigene Leistung zwischenmenschlich problematisch.

Wie steigern Sie Ihre Leistung?

Wenn ich glaubte, ich könnte heute noch die gleiche körperliche Leistung vollbringen wie vor 20 Jahren, dann hätte ich ein großes Problem. Meine körperliche Leistungsfähigkeit ist nach wie vor hoch, aber der Tätigkeitsbereich hat sich verändert. Anstatt noch schneller, noch höher und noch steiler in die Berge zu gehen, suche ich meine Ziele vermehrt in den abgelegensten Orten der Welt, den Polar-Regionen.

Evelyne Binsack
Im Rahmen einer Filmarbeit kehrte Evelyne Binsack 2013 zum Mount Everest zurück und drehte den Film „ÜberLebensWille“.
Foto: Evelyne Binsack Outdoor GmbH

Ist Leistung für Sie messbar?

Leistung muss immer messbar sein. Wir kennen viele Beispiele von Extrembergsteigern, auch Zeitgenossen, die behaupten, diesen oder jenen Gipfel in Rekordzeiten erklettert zu haben. Aber sie legen dafür keinen Beweis vor, sei es in Form eines Gipfelfotos oder einer abgespeicherten GPS-Einstellung mit Höhenangaben. Es gibt ja sogar Uhren, die diesen Nachweis ganz leicht erbringen können. Leistung, die nicht bewiesen ist, weil sie nicht gemessen wurde, wirft sofort Fragen nach der Glaubwürdigkeit auf. Profi-Alpinisten sollten es tunlichst vermeiden, von Leistungen zu sprechen, die ihnen ihr Publikum einfach glauben muss. Der Glaube gehört in die Kategorie der Religionen, nicht in den Alpinismus.

Was muss passen, damit Sie mit Ihrer persönlichen Leistung zufrieden sind?

In erster Linie muss mir die Leistung Freude machen und mich erfüllen. Ich möchte etwas dazugelernt haben oder mindestens fühlen: "Wow, ich habe so viel investiert, so viel auf diese Karte gesetzt und jetzt habe ich es erreicht. Super!" Sowohl still in mich hineinzulächeln als auch die Leistung mit Freunden gemeinsam zu teilen und zu feiern: Beides gehört zum Ausdruck der Zufriedenheit mit einer vollbrachten Leistung.

Gibt es für Sie Leistungsgrenzen?

Ja. Wenn ein Ziel über meine Leistungsgrenze hinausgeht, dann bedeutet dies in meinem Job eine große Dummheit, das Ziel unbedingt erreichen zu wollen, die nicht selten mit dem Tod bezahlt wird. "No risk, no fun" ist zwar ein geiler Spruch, aber so ziemlich die idiotischste Theorie, die ich je gehört habe. Am Limit ist immer volle Konzentration gefragt, volles Bewusstsein, volles Engagement. Da hat der Aspekt "fun" keinen Platz. "Fun" kann ich auf einer Achterbahn erleben. Oder bei einem Grillabend. Oder beim Baden im See. Aber sicher nicht am Leistungslimit. Man darf das nicht verwechseln. "Fun" stellt sich immer erst nach vollbrachter Leistung ein. Die Freude. Die Erlösung vom Druck, vom Schmerz, von der Konzentration. Dieser innere Jubel. Dieses Gefühl, es geschafft zu haben.

Bei der Besteigung des Mount Everest 2005.
Bei der Besteigung des Mount Everest 2005. Foto: Evelyne Binsack Outdoor GmbH

Überschreiten Sie auch mal Ihre Grenzen?

So verrückt es klingt und so schwer das von außen nachvollziehbar ist: Meine Leistungsgrenze ist da, wo der nächste Schritt den sicheren Tod bedeutet. Daher: nein. Diese Grenze, dieses letzte Maß, dieser letzte Schritt dürfen niemals überschritten werden. Man kann sich höchstens bis dahin, aber nicht darüber hinaus wagen. Das Leiden an dieser Schwelle ist ohnehin fast nicht mehr auszuhalten. Bis man nur noch diesen einen Schritt von der definitiven (Todes-)Grenze entfernt ist, hat man bereits hundert Tode durchlitten. Diese Grenze überschreite ich nicht.

Was machen Sie, wenn Sie unsicher sind, ob Sie den Berg noch erklettern können?

Dann kehre ich zurück, ganz einfach! Ich bin davon überzeugt, dass es ein gutes und ein schlechtes Scheitern gibt. Das schlechte Scheitern: Jemand ist ein Angsthase oder hat keine Leidens- und Opferbereitschaft für sein Ziel entwickeln können, weil seine Motivation nicht klar ist, und gibt deshalb zu früh auf. Er wird alles andere als sich selbst für das Scheitern verantwortlich machen. Das gute Scheitern bedeutet: Ich habe alles gegeben, alles getan, was in meinen Fähigkeiten lag, alles geopfert, das ich opfern konnte, doch andere Mächte sind größer als ich. Ein Wetterumschwung, ein Eisschlag, Steinschlag, Lawinen, die Kälte etc. Oder eine Krankheit, ein Schwächeanfall, die Erschöpfung. Gutes Scheitern bedeutet, dass man die Situation richtig einschätzt und das Aufgeben einen Mehrwert bedeutet: das Überleben zum Beispiel. Und dass man sehr viel daraus lernt.

Was möchten Sie noch erreichen?

Nichts, das ich nicht bis jetzt auch getan habe: mit viel Freude durchs Leben gehen und dadurch anderen Menschen und mir selbst Freude bereiten.