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HÄUSER IN
BEWEGUNG

Ende der 1950er-Jahre beschlossen Architekten, in ihren Gebäuden nur noch grobe Strukturen vorzugeben. Die Menschen sollten sie immer wieder verändern können. Das Ergebnis: Gerade wenige Vorgaben sorgen bis heute für Freiräume.

Foto: Radu Borcoman, dreamstime

Wie wär’s mit einem neuen Fenster über dem Wohnzimmersofa? Mit ein paar Handgriffen nur, ganz unkompliziert eingebaut? Wer „Herman Hertzberger“ und „Diagoon“ bei Google eingibt, kommt schnell in Piet de Raads vier Wänden an: Ein Mausklick nur, und schon führt der freundliche ältere Herr in einem Film durch die Wohnsiedlung, die Herman Hertzberger, einer der bedeutendsten Architekten der Niederlande, 1971 schuf. Darin lassen sich ganze Fensterflächen mithilfe von Holzpaneelen variieren. Und selbst die Raumaufteilung in diesen ungewöhnlichen Häusern ist flexibel, denn eine der Zimmerecken von Piet de Raad war eigentlich mal eine Terrasse, wie er erklärt: „Daraus habe ich aber irgendwann einen Teil meines Wohnzimmers gemacht.“ Und dann führt er den Zuschauer weiter in seine Küche, von der aus man früher eigentlich in den Garten gucken konnte. Heute steht hier ein Kamin.

„Strukturalismus“ nennt sich die Bewegung, die Herman Hertzberger 1959 auf einer Tagung im niederländischen Otterlo mitbegründete und in deren Geist Bauten entstanden, die heute noch unkonventionell sind. Darunter das Haus von Piet de Raad, das sich im Laufe der Jahre den Bedürfnissen seiner Bewohner angepasst hat: Als zum Beispiel die Kinder auszogen, wurden die Schlafräume neu verteilt. Oder die Rasenfläche hinter dem Haus um eine Terrasse verkleinert.

Fast keine geschlossenen Räume und flexible Strukturen: Die Wohnsiedlung „Diagoon”, die Herman Hertzberger 1971 schuf, wirkt auch heute noch unkonventionell und modern.
Foto: Herman Hertzberger

„Ich habe meine Häuser für alle gebaut – egal, ob reich oder arm“, erläutert der inzwischen 84-jährige Architekt Hertzberger seinen Ansatz. Deshalb hat er sogar die Pflasterung zwischen den Häusern in Delft überall gleich geplant, genau wie die Farbe der Fassaden und Fenster. Theoretisch sollten die Bewohner auch die Gärten zwischen den acht Gebäuden frei unter sich aufteilen können. Praktisch haben alle inzwischen Zäune um sich herum errichtet.

Grobe Strukturen statt strikter Wohnkonzepte

Grobe Strukturen statt strikter Wohnkonzepte – noch Ende der 1920er-Jahre wäre das undenkbar gewesen, wie ein Satz des Architekten Hannes Meyer aus dieser Zeit zeigt: „An erster Stelle steht im Stadtbau das Ordnen der Funktionen: a) Das Wohnen, b) Das Arbeiten, c) Die Erholung“, beschrieb er damals den aus seiner Sicht idealen Aufbau einer Kommune. Alle Bereiche sollten strikt voneinander getrennt werden – genau das wollten strukturalistische Architekten wie Herman Hertzberger 50 Jahre später nicht. Statt Viertel je nach ihrer Funktion voneinander abzugrenzen – indem man zum Beispiel einen Stadtteil ausschließlich mit Geschäftsgebäuden und einen nur für Wohnhäuser plante –, sollten die Übergänge fließend sein. „Die Häuser und Städte, die momentan erstellt werden, ertragen keine einzige wirkliche Veränderung“, klagte denn auch Hertzberger auf einer Tagung in den 1960er-Jahren. Den Bewohnern würde in ihren eigenen vier Wänden regelrecht vorgeschrieben, wo sie ihre Tische und Betten hinsetzen müssten. Daher gestaltete er die Flächen in seinen Häusern fortan variabel und gab nur noch grobe Strukturen vor – damit sich ein Wohnzimmer leicht in eine Küche oder ein Bad verwandeln lässt, wie im Haus von Piet de Raad.

Von Archetypen inspiriert

Auch das 1971 – 1985 erbaute Universitätsklinikum (Architekten Weber, Brand & Partner) ist wegen seines Entwurfsprinzips der Wiederholung gleichförmiger Baustrukturen ein Beispiel des Strukturalismus.
Foto: fotolia

Strukturalistische Bauten sollte man deshalb auch am besten von oben betrachten – das empfahl schon der weltberühmte Architekt Le Corbusier. Denn sie wachsen nicht in die Höhe, sondern in die Breite – wie in einem Dorf. Als der US-amerikanische Architekt und Stadtplaner Louis Kahn 1967 in Texas das Kimbell-Kunstmuseum aus 16 Modulen zusammensetzte, dachte er zum Beispiel daran, wie die Urvölker in Nordafrika ihre Häuser errichten und anordnen.
1957 entwarf Aldo van Eyck ein Waisenhaus in Amsterdam, durch das sich Straßen und Plätze ziehen – inklusive Straßenbeleuchtung und Asphalt. 1960 baute Herman Hertzberger in Delft eine Montessori-Schule, in der es am Eingang keine Tür gibt, sondern einen großen Übergangsbereich zwischen innen und außen. Und Podeste, die die Kinder als Sitzgelegenheit oder Tribüne nutzen können.

So schön diese Flexibilität und Offenheit sind, sie haben auch Nachteile: 1971 baute Aldo van Eyck ein Haus für den Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela – das erste speziell als Galerie entworfene Gebäude in der Bundesrepublik Deutschland. Wie in Delft gehen die Innenräume darin direkt ineinander über. „Schmelas Tochter erzählt heute allerdings davon, wie laut es in dem Galerie- und Wohnhaus war und dass man sich nur schlecht zurück­ziehen konnte“, sagt Gerd Korinthenberg, Sprecher der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die das Haus heute für Vorträge oder als Unterkunft für Künstler nutzt. Ähnliche Erfahrungen hat auch Piet de Raad gemacht: In seinem Haus in Delft gab es zum Beispiel nie ein Elternschlaf­zimmer, weil Hertzberger zwar viel offene Wohnfläche, aber nur wenige geschlossene Räume geplant hat. „Wir haben uns dann weitere Zimmer aus Möbeln gebaut“, erzählt de Raad.

So gesehen überrascht es nicht wirklich, dass die meisten strukturalistischen Entwürfe inzwischen als nicht mehr zeitgemäß gelten. Vielen Bewohnern sind sie zu offen, einige wenige genießen die Freiheit darin allerdings bis heute – und gestalten ihre Räume nach wie vor um. So wie es sich Hertzberger in den 1960er-Jahren gewünscht hatte: „Wir müssen Häuser auf eine besondere Weise gleich machen, nämlich so, dass jedermann seine eigene Interpretation verwirklichen kann“, sagte er damals. Zumindest in der Wohnsiedlung von Piet de Raad hat sich dieser Wunsch wohl erfüllt.

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