HaysWorld
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DER DREH
SEINES LEBENS

Das Karussell dreht sich. Immer im Kreis. So ist es seit eh und je und auch in Zukunft, wenn es nach John Heinz geht. Der 25-Jährige baut seit seinem 17. Lebensjahr Kinderkarussells – und sorgt mit seinen kunstfertigen Kreationen dafür, dass die Faszination Karussell lebendig bleibt. Kontinuität kann eben spannend sein.

Foto: Björn-Uwe Klein

Vorbeiwirbelnde Farben und Lichter, kurz wird ein einzelnes Gesicht erkennbar, ein Winken, dann verliert es sich wieder im bunten Rausch; dreht sich die Welt oder man selbst? Das Karussell hat es in Filmen, Liedern und in der Literatur zu Ruhm gebracht: Es steht für den Kreislauf des Lebens, der Liebe und manchmal des Leids, für die reine und ungetrübte Freude während der Fahrt und irgendwie auch als nostalgisches Symbol für Kindheit. Für John Heinz bedeutet es im Augenblick vor allem jede Menge Arbeit. Er hat einen neuen Großauftrag zu bewältigen, eine zehn Meter lange Karussell-Bar für eine große deutsche Privatbrauerei. In zwei je 200 Quadratmeter großen Produktionshallen fertigt er in Handarbeit vom Drehboden über die Figuren bis zum 
Karussellhimmel alle Elemente selber. Aushängeschilder sind natürlich die Figuren, auf denen die Kinder später glücklich und stolz sitzen werden. Nachdem sie in Heinz’ Kopf Form angenommen haben, schneidet er sie zunächst aus Styropor, bevor nach dieser Vorlage ein aus Glasfaserkunststoff gegossener Rohling entsteht. In den Hallen hängt der 
Geruch von heißem Kunststoff, Wachs, Lacken und Leim.

„Drecksarbeit“, sagt Heinz, die viele nicht machen würden und auf die er wahnsinnig stolz ist. Um die 200 Karussells hat er schon gebaut, genau weiß er es nicht. „Vor drei Jahren habe ich aufgehört, zu zählen.“ Den Beruf Karussellbauer gibt es in Deutschland nicht und auch sonst nirgendwo auf der Welt. „Eigentlich spielen hier zehn Handwerksberufe ineinander – aber wenn man tatsächlich Handwerker beschäftigen würde, wäre das Ganze unbezahlbar.“ Dass sein Geschäft läuft, liegt auch an der Selbstausbeutung. 80 Stunden zählt seine Arbeitswoche im Augenblick. „Anders geht’s nicht“, sagt Heinz lapidar. Angefangen hat sein Unternehmen „Pleasure Equipment“ in der Garage – eigentlich aber schon viel früher, im Kinderzimmer.

Maxi-Begeisterung für Mini-Karussells

Zweimal im Jahr kam damals die Kirmes ins Dorf, nach Eschenburg-Eibelshausen bei Dillenburg. „Das war immer ein Aufreger“, erinnert sich Heinz: „Ich war begeistert von dem Trubel, von Licht und Ton und dem ganzen Kunterbunt.“ Der kleine John fährt alle Karussells, auf die er darf – und wenn er nach Hause geht, baut er dort seine eigene Kirmes. Fahrzeuge, die die Welt noch nicht gesehen hat, denn er denkt sie sich ganz alleine aus. Zunächst baut er sie mit Legosteinen, dann mit Modellbaumitteln und allem, was der Sperrmüll hergibt. „Kaputte Modellautos, Styroporteile, Ostereierverpackungen – das waren prima Gondeln“, erinnert er sich. Obwohl es eine eigene Branche Kirmesmodellbau im Spielzeughandel gibt, baut er nie Fertigsätze oder kopiert reale Attraktionen. Von Anfang an folgt er seinen eigenen Vorstellungen. Extrem kreativ – und dabei immer realisierbar. Klein, aber voll funktionsfähig.

So kunstfertig sind seine Miniaturen, dass er lokale Bekanntheit erlangt. Der Metzger des Ortes hört von Johns Hobby und bietet ihm alte Getriebe an, die in seinem Keller lagern. Die sind zu mächtig für die Modelle – und John Heinz baut sein erstes großes Kinderkarussell. Ohne dass seine Eltern davon wissen, verkauft er es über eBay und baut von dem Erlös gleich das nächste Karussell. Und so weiter. So läuft es im Prinzip immer noch: Alle Einkünfte investiert er sofort neu. Damals sorgten seine Eltern sehr schnell dafür, dass er ein Kleingewerbe anmeldete, heute führt er einen stetig expandierenden Betrieb. Sein Erfolg überfordert ihn zeitweise fast, sein Maschinenbaustudium bricht er ab. „Ich saß in der Vorlesung und ständig klingelte das Handy, weil ich was klären musste. Da war kein effektives Lernen möglich. Also entweder Studium oder Firma.“ Etwas später dann versucht er, an der Abendschule die Ausbildung zum Techniker nachzuholen. Wieder das Gefühl: „Was mach ich hier, ich hab doch so viel zu tun!“ Als ihn das auch seine Lehrer fragen, hört er auf und baut nur noch Karussells. Es läuft schließlich mehr als rund für ihn.

Karussellbau sollte nicht auf den Zeitgeist setzen, findet John Heinz. Kleine Kinder würden auch ohne viel „Bling-Bling“ rundum glücklich.
Foto: Björn-Uwe Klein

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