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Eine Hausnummer kleiner

My home is my castle? Der Satz gilt immer noch – aber die Vorstellungen vom eigenen Häuschen wandeln sich. Aus den USA kommt das „Tiny House Movement“. Was dort als Reaktion auf die Immobilienkrise begann, könnte hierzulande ein praktikabler Umgang mit wenig Platz und exorbitanten Mietpreisen sein. Über Träume vom einfachen Leben in den eigenen vier – und wirklich nicht mehr! – Wänden.

Foto: Jacques Delacroix

Über allem schweben – Sehnsuchtsort Baumhaus

Foto: Jacques Delacroix

Vielleicht ist ein Baumhaus die ursprünglichste Form eines Tiny House, auf jeden Fall aber ist es für viele Menschen ein Kindheitstraum. Versteckt im Laub, weit über allen anderen, fern von den lästigen Pflichten des Erdbodens – und mit einer Leiter, die sich hochziehen lässt, wenn man seine Ruhe haben will. Ein Baumhaus stehe für die Utopie des Wohnens und eine besondere Art der Privatsphäre, sagt der Baumhaus-Architekt Andreas Wenning. In England übrigens mit seiner langen Tradition der Landschaftsgärten sind Baumhäuser häufig zu finden. Und auch hierzulande bauen immer mehr Menschen auf ihren Grundstücken diese kleinen Refugien. Ganz zu schweigen von den boomenden Baumhaushotels.

Von der Krise zur Bewegung – USA

Foto: Tammy Strobel

„Home for sale“ – die Schilder an den Straßenrändern legten in den USA landauf, landab Zeugnis ab von der Immobilienkrise, die ab dem Sommer 2007 ihren Lauf nahm und in einer weltweiten Finanzkrise gipfelte. Hunderttausende Menschen konnten ihre Hypotheken nicht mehr zahlen und standen plötzlich ohne Haus da. Das ist die Zeit, in der Jay Shafers „Tiny-House“-Bewegung immer mehr Zulauf bekommt. Der Mann aus dem Mittleren Westen will dem gescheiterten „Think big“ mit „Downsizing“ begegnen – im Hausbau. Seine Mikrohäuschen kommen mit einer Grundfläche zwischen acht und 25 Quadratmetern aus. Sie kosten den Bruchteil eines normalen Hauses, sind ressourcenschonend, anspruchslos und erlauben es dem Besitzer, sich um Wesentlicheres als seinen Besitz zu kümmern: so die Argumente des Tiny House Movements.

Groß gedacht, klein gebaut – Downsizing in Deutschland

Foto: Klaus Toczek

Die Idee der Minihäuschen findet auch in Deutschland viele Anhänger. Der deutsche Tiny-House-Pionier Klaus Toczek schreibt zu seiner Motivation: „Strom von der Sonne und vom Wind, Wasser aus dem vorbeifließenden Bach zu Trinkwasser aufbereiten, das Abwasser in ein Pflanzenklärbeet leiten und die anderen Abfälle kompostieren. Heizen und Warmwasser bereiten mit Solarkollektoren und mit einem Holzofen. Und später noch einen eigenen Garten für die Selbstversorgung mit gesunden Lebensmitteln.“ Zum ökologischen Aspekt kommt der Gedanke des autarken Lebens. Weniger Besitz – mehr Freiheit, so die Gleichung.

Wenn da nur nicht die deutschen Bauvorschriften, Genehmigungspflichten und Straßenverkehrsordnungen wären. Tiny Houses sind oft auf Räder montiert, damit sind sie von der Baugenehmigungspflicht entbunden. Sie einfach irgendwo hinzustellen, geht trotzdem nicht.

Einfach stylish

„Individuelles Wohnen auf höchstem Niveau“ verspricht das Fincube-Konzept des Designers Werner Aisslinger. Fincube beschreibt seine Wohnräume als exklusive Gästehäuser für den Garten oder „Appendix zur eigenen Villa“.
Foto: Hannes Meraner

41,4 Prozent der deutschen Haushalte waren 2015 Einper­sonenhaushalte, so das Statistische Bundesamt. Wie viel Platz braucht ein einzelner Mensch? Und muss er auf ein Häuschen im Grünen verzichten, nur weil er alleine lebt? In den kleinen Haushalten steckt großes Potenzial für die Tiny-House-Bewegung, meint Isabella Bosler. Die Bauberaterin hat die Internetplattform www.tiny-houses.de gegründet. Allerdings sind viele der Interessierten nicht für die ganz kleine Hausnummer zu haben: „Auf 15 Quadratmetern möchten die wenigsten leben. Kleinhäuser sind nachgefragt – aber eher mit etwa 60 Quadratmetern Wohnfläche.“ Gerade die mobile Generation sucht Rückzugsmöglichkeiten, den Blick ins Grüne – ohne Verschuldung bis zur Rente. Ein Minihaus ist bezahlbar, erfordert aber auch eine Menge Eigeninitiative und Kreativität. Denn ein Grundstück muss trotzdem erst mal her. Und eine Baugenehmigung.

So groß es der Platzmangel zulässt – Nothäuschen

Wissenschaftler und Designer entwickelten gemeinsam das m-ch (micro compact home).
Foto: Sascha Klesch/The micro compact home

München ist eine dieser Städte, die es einem fast unmöglich machen, in ihr zu wohnen. Zumal, wenn man nicht viel Geld hat – wie Studienanfänger. Schon 2005 entwickelte der Architekturprofessor Richard Horden gemeinsam mit seinen Studenten für die Stadt das micro compact home (m-ch). Auf 2,66 mal 2,66 Metern fanden Bett, Tisch, Sanitärbereich und Kochnische Platz. Sieben solcher Häuser wurden in der Studentenstadt Freimann aufgestellt – ein Tropfen auf den heißen Stein und Sinnbild für ein Problem der Tiny-House-Bewegung: Viele kleine Häuser vernichten auch viel Fläche. Ökologisch sinnvoll ist die Bebauung dann nicht mehr. Und hübsch auch nicht.

Egal, ob Tiny House, Bauwagen oder Baumhaus: Die erwachsene Sehnsucht nach Einfachheit ist vielleicht auch die nach der Zeit, als die Schätze und wichtigsten Besitztümer in die Hosentasche passten und darüber hinaus die Erlebnisse des Tages mehr zählten als die Größe des Kinderzimmers.