HaysWorld
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IST EINFACH
EINFACH EINFACH?

Einfach machen: Das sagt sich so leicht. In Wirklichkeit ist Einfachheit oft die schwierigere Aufgabe. Das sagen zumindest einige unserer Gesprächspartner: Wir haben einen Designer, einen Sprachwissenschaftler, einen Koch und einen Philosophen gefragt, wie sie den komplexen Anspruch an Einfachheit erfüllen.

Foto: Ydo Sol Images

Herr Martin: „Muskatkürbis-Gnocchi, Wintertrüffel, Kürbiskern und Cranberrys.“ Ihre Karte klingt prosaisch. Fängt Ihre Strategie der Einfachheit mit der Sprache an?

Gedrechselte und unverständliche Beschreibungen sind schon länger out. Meine Formulierung lässt noch nicht darauf schließen, dass es eine klarere oder einfachere Küche ist. Man kann allerdings sehen, dass es sehr gute Produkte sind. Viel wichtiger ist, dass die Gerichte selbsterklärend sind, wenn sie auf dem Teller vor dem Gast stehen.

Inwieweit lässt sich in der Spitzenküche in Sachen Zubereitung überhaupt von Einfachheit reden? Wenn es wirklich einfach wäre, könnte es ja jeder, oder?


Der Begriff Einfachheit kann in eine falsche Richtung führen. Bei mir bedeutet er die Fokussierung auf das Produkt und den Geschmack. Früher habe ich sehr aufwendige Kreationen gemacht. Viel mit Cremes, Soßensprenkeln oder Gelee – Kunstwerke auf dem Teller. Dann habe ich eines Tages festgestellt, dass ich wieder zurück zu den Wurzeln möchte. Ich bin bodenständig, und so möchte ich auch kochen. Einfacher zu kochen ist aber schwieriger. Wenn Sie sieben unterschiedliche Kleinigkeiten auf den Teller legen – sagen wir von der Erbse –, dann können Sie schummeln. Da kann mal eine Sache ein bisschen flüssiger sein als gewollt oder die andere einen Tick zu kräftig. Wenn Sie aber die Erbse nur auf eine Art zubereiten, dann muss das Ergebnis umwerfend sein. Einer meiner Dauerbrenner ist geschmorte Ochsenschulter, Karotten, Kartoffelpüree. Ganz schlicht. Damit es nicht banal ist – es soll ja begeistern –, muss es perfekt zubereitet sein. Da kannst Du auch keinen Durchschnitt einkaufen. Du musst immer Höchstleistung bringen: beim Einkauf, beim Versorgen der Ware, beim Zubereiten, beim Anrichten.

Thomas Martin, Chef de Cuisine
Thomas Martin, Chef de Cuisine im Restaurant des traditionsreichen Hotel Louis C. Jakob in Hamburg. Foto: Ydo Sol Images

Sie sprechen von einem Gesamtkonzept der Einfachheit. Wo äußert sich das noch?

Dazu gehört, sich nicht wichtiger zu nehmen als den Gast. Wie auf dem Teller soll es auch im Restaurant entspannt zugehen. Deshalb lüpfen bei uns beim Servieren nicht mehr zwei Kellner mit feierlichem Blick gleichzeitig die Cloches. Sie tragen auch keinen Anzug mit Krawatte mehr. Und wenn mal ein Kellner nicht von rechts drankommt, darf er den Teller auch von links einsetzen. Alles Gestelzte, Verkrampfte soll aus dem Restaurant weg. Ich möchte Herzlichkeit und Lockerheit – ohne dass wir nachlässig sind.

Bedeutet diese Lockerung der Umgangsformen auch eine Öffnung zu neuen Gästeschichten?

Ja. Wir hatten zum Beispiel lange Jahre nur Menüs. Heute biete ich auch à la carte an. Nun kommen viele Gäste regelmäßiger, weil sie wissen: Du musst im Jacob nicht mehr die sieben Gänge essen, sondern kannst auch nur einen Hauptgang bestellen und dann gehen. Das wollen wir: mehr Durchlauf, mehr Bewegung.


Nils Holger Moormann, Möbeldesigner und -hersteller. Foto: Dirk Bruniecki

Herr Moormann, würden Sie Ihre Möbel als zeitlos bezeichnen?

Wenn ich viel getrunken habe, ja. (Lacht.) In unseren Möbeln soll etwas Essenzielles zutage treten. Alles ist eingedampft auf das Nötigste. Und tatsächlich habe ich den Eindruck, dass solche Sachen gut altern können. Insofern habe ich durchaus den Anspruch, dass unsere Möbel zeitlos sind. Aber im Vorfeld zu behaupten, ich mach jetzt was Zeitloses, wäre genauso wie zu sagen, ich bau einen Klassiker: bisschen groß angesetzt.

Ihre Möbel sind gerade sehr begehrt. Spiegelt ihre Ästhetik also doch den Zeitgeist?


Die ganze Möbelbranche läuft im Moment sehr gut. Die Leute haben Angst, dass ihr Geld jeglichen Wert verliert, also kaufen sie lieber etwas Anständiges. Meine Hoffnung ist, dass es unseren Kunden nicht nur ums Konsumieren geht, sondern dass sie die Wertigkeit unserer Produkte erkennen. Aber natürlich passt unser Anspruch auch gut in die Zeit: Die Reduktion schafft Freiheit und Luft für anderes.

Würden Sie das Design Ihrer Möbel überhaupt als „einfach“ beschreiben?

Einfach im Sinn von streng reduziert – meistens die kompliziertere Übung.

Es stimmt also, dass Einfachheit die komplexere Herausforderung ist?

Einfachheit verzeiht kaum Fehler. Sie können nichts verstecken. Jedes Detail muss stimmen, die Unterseite, die Kon­struktion, das Material, jegliche Proportion – Sie können nicht tricksen. Alles muss sich selbst erklären. Es ist einfacher, zu übertünchen, als mit den Materialien so umzugehen, dass Sie jeden Fehler sehen. Das braucht Geduld, Zeit und viel Glück. Wie in der Küche, wenn Sie eine Essenz kochen: Wie lange muss die vor sich hin köcheln!

Minimalismus konzentriert sich auf das – oft edle – Material. Liegt im Material die Opulenz der Einfachheit?

Das Material ist extrem wichtig. Einfache Sachen haben oft ein Material, das sehr wertig ist. Es kann aber auch sehr pur, sehr arm sein und gerade durch seine Reduziertheit das Leben erzählen. Mir persönlich ist wichtig, dass Materialien gut altern können. Da ist jede Schramme zunächst eine Bedrohung, aber bei der fünften Schramme kippt die Lage und auf einmal ist es Charakter.

Welche Materialien meinen Sie?

Das geht bei fast allen ehrlichen Materialien: gezundertem – abgebranntem – Stahl etwa; Linoleum, ein supertolles Material, das altert extrem gut. Wo es geht, nehmen wir natürlich Holz. Das hat meist diese Fähigkeit, schöner zu werden, nicht schlechter. Unsere Möbel haben zudem keine Oberflächenversiegelung im klassischen Sinne, das sind immer rohe Materialien.

Wie muss ein altes Möbel beschaffen sein, damit Sie es sich hinstellen?

Oft ist es das Handwerk, das mich fasziniert: Verarbeitungsdetails, die heute fast vergessen sind. Und witzigerweise sitze ich nach zig Versuchen auf luxuriösen, teuren und ergonomisch geformten Bürostühlen nun bei der Arbeit auf einem alten Bauernschemel. Das ist ein ganz einfacher, archaischer Entwurf, der eine unglaublich schöne Lehne aus einem gewachsenen Stück Holz hat. Es ist schon auch immer etwas sehr Persönliches, wie man mit Möbeln umgeht.


Ludwig Maximilian Eichinger, Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim und Direktor des Instituts für Deutsche Sprache. Foto: Goethe-Institut/B. Ludewig

Prof. Eichinger, verwenden Sie Emojis oder Emoticons? Einfacher lässt sich schließlich kaum kommunizieren – oder?

Ich benutze keine, nein. Meine Tochter ist 30 und wir schreiben uns manchmal SMS. Ein einziges Mal habe ich „liebe Grüße“ mit „LG“ abgekürzt, woraufhin sie sofort geantwortet hat: Das darfst Du nicht, dafür bist Du zu alt.

Wer sich kompliziert ausdrückt, wird manchmal schwer verstanden. Wie drückt man sich einfach und verständlich aus?

Äußern Sie pro Satz nur einen Gedanken. Für wichtige Gedanken nehmen Sie Hauptsätze, für Nebengedanken Nebensätze – aber nicht mehr als einen Nebensatz pro Hauptsatz. Ebenso hilfreich ist es, sich zu überlegen, wie viele Adjektive Sie brauchen, sie sind oft für die Aussage verzichtbar. Vermeiden Sie zudem Konstruktionen, zu viele Attribute, zu lange Komposita. Damit haben Sie schon eine ganz ordentliche Anleitung für einfache Sprache.

Es gibt aber wunderbare Literatur mit Sätzen, die über sechs oder sieben Zeilen gehen.

Mein Lehrer hat mal gesagt: Literarische Sprache hat hauptsächlich die Funktion, uns zum langsamen Lesen zu bringen, sodass wir den ästhetischen Wert des Wortes genießen können. Dazu gehört manchmal auch eine gewisse Komplexität. Es kommt eben darauf an, was ich will. Wenn ich jemanden dazu bringen will, die Steuererklärung anständig auszufüllen, dann wäre es gut, die Anleitung einfach auszudrücken.



Der Anspruch an Sprache hat sich aufgrund der digitalen Lesegewohnheiten in den vergangenen Jahren sehr verändert. Texte sollen möglichst kurz und leicht verständlich sein. Aber ist Einfachheit das angemessene Ziel von Sprache?

Wer in den digitalen Medien gelesen werden will, muss sich kurz fassen, denn die Aufmerksamkeitsspanne der Leser ist hier viel kürzer. Klar, dass Autoren versuchen, Inhalte knapper darzustellen – womit sie automatisch vereinfachen müssen. Zu den Aufgaben von Schule und Ausbildung gehört es, dass nicht nur solche Texte verstanden werden. Denn Sprache hat einen hohen sozialen Wert. Und in unserer Gesellschaft ist soziale Variabilität ein hohes Gut. Das verlangt, dass man auf unterschiedliche Situationen sprachlich unterschiedlich reagieren kann. Wer das nicht kann, wird sozial diskriminierbar. Jugendliche etwa, die den „Sprech“ ihrer Altersgruppe nicht beherrschen, haben ein Problem. Jugendliche, die nur ihre Jugendsprache können, haben ebenfalls ein Problem. Moderne Gesellschaften erfordern sehr viel sprachliche Variation.

Sie sind Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung. Hat die Rechtschreibreform ihr Ziel erreicht, die Rechtschreibung zu vereinfachen?

Was genau die Rechtschreibung einfacher macht, ist nicht so leicht zu sagen. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat es aber sicherlich geschafft, die Reform an kritischen Stellen besser mit den Traditionen des Schreibens abzustimmen: Mit dem 2006 erzielten Ergebnis ist ein Zustand erreicht, mit dem man offenbar ganz gut leben kann. Die jetzt geltenden Regelungen behalten die Klärungen, die mit der Reform erreicht wurden, bei und schließen andererseits deutlich an die Gewohnheiten des Schreibgebrauchs an.


Günter Figal, Professor für Philosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Foto: Antonia Egel

Prof. Figal, in einem Ihrer Essays zur Einfachheit entwickeln Sie Ihre Gedanken beim Anblick einer Keramikschale von Young-Jae Lee. Welche Rolle spielt Ästhetik bei der Bestimmung von Einfachheit?

Mein Buch ist so entstanden, dass ich diese Schale immer wieder betrachtet und mich gefragt habe: Warum finde ich sie so schön? Irgendwann kam mir das Wort „einfach“ in den Sinn. Dieses ist ein einfaches Ding. Es ist schön, weil es einfach ist. Das gab dann den Anlass, darüber nachzudenken, was Einfachheit eigentlich bedeutet. Ich denke, dass die einfachen Dinge die schönen Dinge sind.

Aber Schönheit ist doch relativ?

Nur auf den ersten Blick. Wenn wir uns fragen, welche Dinge es sind, die über Jahrhunderte Bestand haben und die uns immer wieder neu ansprechen, dann sind das eher die einfachen Dinge. Diese Dinge sind zeitlos schön. Und sie sind zeitlos, weil sie einfach sind.

Schon in der Antike verfassten Philosophen Gedanken zum einfachen Leben. Was unterscheidet die Betrachtungen heute von denen eines Sokrates, Platon oder später eines Henry David Thoreau?

Im Wesentlichen nicht sehr viel. Platon sagt, dass das einfache Leben das richtige Leben sei. Das ist eine Bestimmung, die auf die Struktur des Lebens als solche zielt und nicht historisch gebunden ist. Die Grundidee ist die, dass ein einfaches Leben eines ist, in dem jemand mit sich im Reinen ist. Der Gedanke wird in der philosophischen Tradition immer wieder aufgenommen und variiert. Bei Kierkegaard etwa heißt es, dass das unglückliche Leben ein verzweifeltes Leben sei. In dem Wort Verzweiflung darf man die „Zwei“, die „Zwiefalt“, die „Zwietracht“ mithören. Gemeint ist eine Zwietracht, die man in sich selber hat. Zunächst hat Einfachheit also gar nicht viel mit einer Reduktion auf weniger Dinge oder auf weniger Luxus zu tun. Das kommt dann erst in zweiter Linie ins Spiel: Platon meint, jemand, der sich immer nur an seinen Begierden orientiert, sei außerstande, ein einfaches, einheitliches Leben zu führen. Weil er immer etwas anderes möchte, als er hat, und damit in sich gespalten ist.

„Simplify your life“ ist ein Schlagwort, mit dem Ratgeber den Menschen dabei helfen wollen, durch Komplexitätsreduktion glücklicher zu werden. Ist es die Komplexität, die uns unglücklich macht?

„Simplify your life“ ist ein Kernsatz aus Thoreaus „Walden“, der heute wieder aufgenommen wird. Aufgrund vielfältiger Möglichkeiten, auch im digitalen Bereich, sind wir immer in der Gefahr, uns zu verzetteln. Stichwort Multitasking: die beste Möglichkeit, unglücklich zu werden. Möglichst viel auf einmal zu tun heißt am Ende, nichts richtig zu tun. Stattdessen wäre es sinnvoll, zu fragen: Was möchte ich wirklich? Was kann ich wirklich? Und sich auf das, was ich kann und was ich bin, zu konzentrieren und das unbedingt und vorbehaltlos zu tun. Reduktion muss nicht notwendigerweise materiell verstanden werden. Sondern Reduktion kann auch heißen, sich auf Tätigkeiten zu beschränken, die man erfüllen und ausfüllen kann.

Einfaches Leben sei der Zustand „ohne Sehnsucht nach anderswo“, schreiben Sie. Eine Utopie?

Nein, eine Realität. Die in jedem Augenblick möglich ist. Es ist eine Realität, die darin besteht, die- oder derjenige zu sein, die oder der man wirklich ist, und dort zu sein, wo man wirklich ist. Sich in einer Lebenssituation nicht andere Möglichkeiten zu erträumen, sondern mit allen Sinnen und den Gedanken da zu sein, wo man ist.