DREI DINGE, DIE SIE
ÜBERRASCHEN WERDEN

Der wahre Grund der Digitalisierung

Nicht technische Innovationen sind Auslöser für Umbrüche in der Wirtschaft, sondern gewandelte Kundenbedürfnisse. Das hat der Harvard-Professor Thales Teixeira herausgefunden. Er bezeichnet die drei historischen Phasen des digitalen Umbruchs seit Mitte der 1990er-Jahre als Unbundling (Entflechtung), Disintermediation (Abbau der Mittlerstelle) und Decoupling (Entkopplung). Alle sind Ableger von Spezialisierung, in allen wurde ein Stück der Wertschöpfungskette aufgebrochen und neu verteilt. Beim Unbundling war es das Produkt. Nur die Kleinanzeige ohne die Zeitung, ein Song statt der ganzen CD. Die Disintermediation hatte das Ziel, die Supply Chain neu aufzustellen. Kleinteilige Waren und Dienstleistungen wurden direkt an die Endkundschaft geliefert, klassische Vertriebswege wurden überflüssig. Kundinnen und Kunden konnten ihre Flüge und Hotelzimmer ohne Reisebüro buchen. Beim Decoupling, das aktuell stattfindet, werden einzelne Dienste für alltägliche Kaufprozesse angeboten, die Zeit und Geld sparen oder Mehrwert schaffen, zum Beispiel das Vergleichen von Preisen mit einer App.

Digitale Transformation: Freund oder Feind?

Wie Menschen die Digitalisierung erleben, hat eine Studie des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation im Juli 2020 herausgefunden. So werden mit ihr nicht nur der Einsatz neuer Technologien verbunden, sondern vor allem auch grundlegende Veränderungen im Beruf, im Privatleben, in der Familie und im gesellschaftlichen Zusammensein. Die Erfahrungen der 35 Befragten der Tiefenstudie sind durchaus verschieden: Während manche große Vorteile im privaten Alltag erleben, fühlen sich andere durch die Digitalisierung belastet oder sehen ihren Arbeitsplatz bedroht. Ob jemand die Digitalisierung in einen positiven Lebensentwurf umsetzt, hängt davon ab, wie sie die Handlungsmöglichkeiten in der persönlichen Lebensführung beeinträchtigt. Die Autorinnen und Autoren der bidt-Studie empfehlen daher, die Angebote der Information und Kompetenzentwicklung auszubauen und die Menschen bei der Gestaltung der digitalen Transformation stärker zu beteiligen.

Mechanismen des Wandels

Das Forschungszentrum der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde sammelt seit Beginn der Corona-Pandemie empirisches Material für die Transformationsforschung – und zwar in Form eines Bürger-Science-Projekts. Erstmals können die Mechanismen des Wandels und des gesellschaft­lichen Umbruchs aktuell und nicht erst in der Retrospektive untersucht werden. Das Institut will mit dem Projekt Erfahrungs- und Handlungswissen aus der Corona-Krise sichern und für die Nachhaltigkeitstransformation nutzbar machen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen in den staatlich angeordneten Maßnahmen, zum Beispiel im Bereich der Mobilität und des Konsums, mögliche Lösungen für die Umweltkrise, weil sie erzwungene Verhaltensänderungen zur Folge haben, die in Nachhaltigkeitsdiskursen als Lösung benannt werden. Ob und inwiefern diese gesellschaftlichen Erfahrungen tatsächlich Lerneffekte auf die Nachhaltigkeitstransformation haben, will das Institut mit seinem Logbuch-Projekt heraus­finden. Weitere Informationen und Möglichkeiten zum Mitforschen auf logbuch-der-veraenderungen.org/.

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