WEINBAU 2.0
KLASSISCHER BERUF IM UMBRUCH

Franz Wehrheim übernimmt in der vierten Generation das Top-VDP-Weingut Dr. Wehrheim im pfälzischen Birkweiler. Der 33-Jährige hat nach dem amerikanischen Schulabschluss in Mannheim und Lissabon BWL studiert, danach Weinbau und Önologie.

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Franz Wehrheim übernimmt in der vierten Generation das Top-VDP-Weingut Dr. Wehrheim im pfälzischen Birkweiler. Als Winzer hat er einen ungewöhnlichen Weg gewählt: Nach dem amerikanischen Schulabschluss hat er in Mannheim und Lissabon BWL studiert, danach Weinbau und Oenologie. Der 33-Jährige spricht mit Haysworld über Umbrüche im Winzerberuf.

Auf welche Weise findet der digitale Umbruch eigentlich in einer so traditionellen Branche wie im Weinbau statt?

Die wenigen ganz großen Betriebe erhoffen sich davon Optimierungsmöglichkeiten, aber im Gesamtbild findet der digitale Umbruch nur sehr zögerlich statt. Selbst wenn wir wollten, ginge es nicht, denn in den Dörfern gibt es oft nicht einmal das schnelle Internet. Als BWLer habe ich Herangehensweisen gelernt, mit denen man schnelle Änderungen herbeiführen kann. Als ich 2013 vom Studium nach Hause gekommen bin, habe ich ein Drei-Generationen-Haus vorgefunden: Mein Großvater in der Buchführung, mein Vater im Außenbetrieb und ich als Kellermeister. Unsere Buchführung wurde damals noch händisch erledigt, ich hielt das natürlich für veraltet und wollte es sofort ändern. Da bin ich auf Widerstand von meinem Großvater gestoßen. Er hätte die IT-Buchhaltung nicht mehr durchführen können und hatte folglich Angst, seinen Platz im Büro zu verlieren. Die Effektivität hätte dazu geführt, dass ich diese Aufgabe hätte übernehmen müssen. Ich wollte mich als junger Winzer aber lieber auf die weinbaulichen Aufgaben fokussieren.

Sie haben Ihr Tempo in Sachen Digitalisierung im Betrieb also gedrosselt?

Ja und nein. In so einem kleinen Familienunternehmen muss man darauf achten, dass die Prozesse funktionieren und die Familie zusammenhält. Jede Person hat eine tragende Rolle und will möglichst lange an ihrem Lebenswerk mitarbeiten. Es gibt kaum eine Branche, die so sehr an Tradition festhält wie die Winzerinnen und Winzer, denn Tradition ist ein Risikosubstitut. Wichtig ist zu erkennen, wo Traditionen auch einmal veraltet sind und diese dann nach und nach zu ersetzen. Dies ist nicht immer leicht.

Wie ist dieser Umbruch gelungen?

Als mein Großvater vor einigen Jahren gestorben ist, habe ich ein tragfähiges System für die EDV ausgewählt und konsequent umgestellt. Was diese Entscheidung angeht, musste der Schritt groß genug sein, um nicht in fünf Jahren wieder vor dem gleichen Problem zu stehen. Mein Vater hat diese Buchführung Stück für Stück übernommen. Nun haben wir die Möglichkeit, in naher Zukunft alle Schritte digital durchzuführen.

Und wie weit geht die Digitalisierung in der Produktion?

In der Produktion liegt sie im Weinbau sehr stark zurück, was viel mit der Kleinteiligkeit der Branche und den verantwortlichen Personen zu tun hat. Es gibt zwar jedes Jahr weniger Weingüter und umgekehrt wachsen die Betriebsgrößen – aber immer noch auf einem kleinen Niveau. Was wir in unserem Weingut gemacht haben: Die Wein-Buchführung, eine gesetzlich vorgeschriebene Weinkontrolle mit Ernteerfassung, Kellerbuch, Flaschenbuch, und IT sind digital und in der Cloud. Sie sind so angelegt, dass wir weitere Digitalisierungsschritte in der Produktion sofort umsetzen können, sobald es notwendig ist. Im System ist eine Schlagkartei hinterlegt, in der Kosten direkt zugeordnet werden können. Solche Systeme sind in der Landwirtschaft in großen Betrieben schon weit verbreitet.

Werden noch keine Sensoren, Ernte- und Pflegeroboter im Weinbau eingesetzt?

Auch wenn man manchmal liest, die Digitalisierung sei auch im Weinbau angekommen, stimmt das so nicht. Roboter kommen bei der Ernte nicht zum Einsatz. Das erledigen in großen Weingütern und in nicht zu steilen Lagen die Traubenvollernter, nicht-digitale Erntemaschinen also. Pflegeroboter gibt es in Deutschland in den Weingütern nicht. Davon existieren vielleicht Prototypen. Temperatursensoren sind weitverbreitet in den Kellern, diese sind aber meist nicht digitalisiert, sondern nur im Keller ansteuerbar. Weitere Sensoren, die die Fermentation im Weinkeller digital überwachen und Analysen durchführen, gibt es nur wenige beziehungsweise in riesigen Gärgebinden, wie sie manchmal in Australien verwendet werden.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihre Branche ausgewirkt?

Corona war ein Katalysator. Er hat dafür gesorgt, dass ich innerhalb von zwei Wochen einen Onlineshop aus dem Boden gestampft habe; das Angebot an fertigen Shopsystemen und guten Lösungen ist sehr groß. Zuvor hatten wir keinen Onlineshop, auch aus Sorge, unsere traditionelle Handelsstruktur zu stören. Letztlich freuen sich jedoch unsere Kunden über die einfache Lösung, und Konflikte mit anderen Händlern blieben aus. Früher haben wir immer zuerst die Ware rausgeschickt und danach die Rechnung. Heute ist die Kundschaft da eher irritiert. Viele kaufen nur noch Dinge, die sie per PayPal oder oneclickTM im Voraus bezahlen können. Das haben Amazon, eBay und Co. bewirkt.

Wie wichtig schätzen Sie die Präsenz in den sozialen Medien ein?

Social Media ersetzt inzwischen in gewissem Maße die Website. Durch die sozialen Medien können wir den Kontakt zu unseren Endverbrauchern viel besser halten. Wir haben rund 3.000 Follower auf Instagram und nochmal 3.000 auf Facebook, die an unserem Wein interessiert sind. Das sind zwei unterschiedliche Zielgruppen. Allerdings ist die Pflege dieser Kanäle mit viel Aufwand verbunden; wenn man hier einen schlechten Auftritt hat, wird das sofort bemerkt.

Wie digitalisieren Sie die sinnliche Erfahrung der Weinverkostung?

Das funktioniert tatsächlich ganz gut mit einer Onlineweinprobe. Sie hat sich rasant entwickelt, weil sie eine unglaubliche Entertainmentkomponente enthält. Die Leute haben während des Lockdowns ja kaum Freizeitmöglichkeiten und es macht auch uns Spaß, die Leute zu unterhalten. Sie sind zu Hause, wo sie sich wohlfühlen. Sie können sich etwas Schönes kochen, Wein probieren und danach theoretisch sofort ins Bett gehen. Dafür leidet das Erlebnis natürlich, denn der Besuch im Weingut mit der schönen Stimmung und dem Zusammenkommen der Menschen ist sicherlich unersetzlich.

Wie haben Sie das konkret umgesetzt?

Das Weingespräch findet per Zoom-Meeting statt, in das sich der Kunde einloggt. Eine kleine Herausforderung ist, dass man im Zweifel sechs Flaschen öffnen muss, um sie verkosten zu können. An manchen Wochenenden gibt es zwei Weinproben, an denen zwischen sechs und 20 Personen teilnehmen. Manche nehmen aktiv teil, manche machen die Kamera und das Mikrofon aus, genießen die Stunde und schauen einfach zu. Ich hatte aber auch schon eine Weinprobe, bei der mir zwei Experten als Weinpartner gegenübersaßen, und im Stream waren rund 100 Leute.

Hat die Onlineweinprobe eine Zukunft?

Sie wird sich im Lockdown noch ein bisschen halten, aber die Probe im Weingut ersetzt sie nicht. Daran haben wir auch gar kein Interesse. Ich finde es schön, wenn die Kundinnen und Kunden auf den Hof kommen und man sich in die Augen schauen und die Hand geben kann. Mit Geschäftspartnerschaften im Ausland sieht das allerdings anders aus. Mit meinem Handelspartner in China zum Beispiel kann ich in einer Zoomkonferenz schnell Infos austauschen oder zwei, drei Weine besprechen. Wenn die Voraussetzungen stimmen – ein perfektes Glas, der Wein richtig temperiert und dekantiert ist – kann man sehr zielgerichtet verkosten. Da ist das Aufwand-Nutzen-Verhältnis sensationell.

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