„Auch Firmen kommen
in die Pubertät!“

Drei Fragen an Lebenszyklus-Berater Jürgen Freisl aus dem bayerischen Steingaden.

  1. Unternehmen durchschreiten wie Menschen verschiedene Lebensphasen. Was tun, wenn das eigene Baby schnell wächst und plötzlich ungekannte Probleme anstehen?

    Das ist völlig normal. Denn auch Firmen kommen in die Pubertät! Und wie bei Jugendlichen lauern da viele Herausforderungen. Die Phase ist von Auf- und Umbruch geprägt. Plötzlich sieht man sich als wachsendes Unternehmen einem neuen erweiterten Marktumfeld gegenüber, neue Wettbewerber treten hinzu, neue Regeln gelten. Unternehmer sollten in dieser Phase vieles hinterfragen, was lange Zeit glatt lief. Zum Beispiel, ob die Ziele und die Ausrichtung noch passen, ob die alte Führungsriege noch immer die optimale Begleitung ist, welche neuen Organisations- und Prozessstrukturen eingeführt werden sollten und welche Finanzierungs- und Controllingsysteme das heranwachsende Unternehmen am besten beim gesunden Wachstum unterstützen. Neben diesen vielfältigen neuen Aufgaben sollten sie zugleich damit anfangen, das eigene Baby immer mehr loszulassen. Nur so kann es sich am besten entfalten. Für Eltern wie für Unternehmer ist das allerdings oft die schwerste Übung.

  2. Und diese Herausforderung hält bis ins hohe Alter an. Dazu kommt in reiferen Lebensjahren noch der Altersstarrsinn. Gibt es den bei Firmen auch?

    Ja, freilich. Auch Organisationen verhärten, indem immer mehr Regeln und Strukturen eingeführt werden. Die lassen dann oft keinerlei Flexibilität mehr zu. Grund für diesen Regelungswahn ist meist der Wunsch nach Kontrolle. Und der geht leider oft einher mit einem zunehmenden Misstrauen allem Neuen und selbst den eigenen Mitarbeitern gegenüber. Erstes Alarmzeichen für drohenden Altersstarrsinn ist eine gewisse Selbstgefälligkeit der Führungsriege. Den berühmten Glaubenssatz „Früher war alles besser“ haben auch viele unter ihnen verinnerlicht. Im Laufe des persönlichen Alterungsprozesses kommt ihnen der Mut zum Wandel abhanden. Dann verharren sie nur noch in der Vergangenheit und ersticken damit jede Kreativität. Der große Unterschied zum menschlichen Lebenszyklus aber ist, dass Organisationen nicht automatisch altern. Durch die richtige Führung lassen sie sich im Gegensatz zu Lebewesen nämlich langfristig in der Blütezeit halten. Das ist zugleich eine Riesenchance und eine Riesenherausforderung für Firmenlenker.

  3. Was müssen sie als „Erziehungsberechtigte“ dafür tun?

    Im Prinzip dasselbe wie Eltern auch: Sie sollten ihr Kind in jeder Lebensphase situationsgerecht begleiten und fördern. Bei der Geburt, also in der Gründungsphase, gilt es, praktisch 24 Stunden am Tag für das Baby da zu sein. Diese Phase erfordert höchste Aufmerksamkeit und Zuwendung, dazu den Schutz vor den Widrigkeiten des Lebens und des Marktes sowie das zunehmende Ansparen für eine finanzielle Absicherung. Zugleich geht es im Laufe des Lebens darum, ein unterstützendes Umfeld aufzubauen, mit dem man sich austauschen und beraten kann, Unternehmerfreunde zum Beispiel oder auch Mitglieder und Experten in Verbänden oder Kammern, die bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und nicht zuletzt geht es, wie gesagt, auch immer ums Loslassen können. Die Kunst dabei ist, den eigenen unternehmerischen Traum in die richtigen Herzen und Köpfe zu verpflanzen. Die Belohnung für diese Anstrengung ist ganz wunderbar: Denn so lebt letztlich die eigene unternehmerische DNA in der Firma immer weiter.

    Interview: Judith-Maria Gillies