„Man braucht nicht nur
eine Vision, sondern auch Durchhaltevermögen“

Interview mit Wolfgang Grupp, TRIGEMA Inh. W. Grupp e.K.

Herr Grupp, wie sind Sie dazu gekommen, das weltweit erste zu 100 Prozent kompostierbare T-Shirt auf den Markt zu bringen?

Vor etwa zehn Jahren kam Professor Braungart mit seinem Cradle to Cradle®-Konzept auf uns zu. Die Logik war sehr imposant. Wenn wir Materialien nicht verbrauchen, sondern anderen Generationen zum ebenfalls Gebrauchen hinterlassen, haben wir keine Rohstoffprobleme mehr. Ich dachte: Wenn das wirklich geht – wenn die Bio-Baumwolle und die Chemikalien, die das Institut uns für die Verarbeitung vorschlägt, tatsächlich komplett und gefahrlos verrotten – dann will ich der erste sein, der diese Innovation anbietet. Davon leben wir in einem Hochlohnland und so verstehe ich mich auch als Unternehmer. Am Standort Deutschland geht es nicht um Masse, sondern um Innovation.

Die Materialien wurden Ihnen also vorgeschlagen. Was war Ihre Herausforderung?

Wenn ich von etwas fasziniert bin, reicht das nicht. Es muss für die Zukunft auch einen Vorteil bringen, für die Umwelt und das Unternehmen. Wir mussten einiges in die Fertigung und das Lieferantenmanagement investieren, bis wir nach Cradle to Cradle®-Prinzipien produzierten. Da geht es vor allem um Energie- und Wassermanagement. Außerdem mussten wir Wege finden, den Rohstoff so zu bearbeiten und zu verstricken, dass auch das fertige Produkt Cradle to Cradle®-fähig bleibt. Man muss diese Textilien anders färben als die normalen. Der Stoff muss ganz anders behandelt werden, damit er hundertprozentig kompostierbar ist. Das ist schon aufwändig.

Wie kam Professor Braungart auf TRIGEMA?

Unser Vorteil ist, dass wir ausschließlich in Deutschland produzieren. Damit haben wir alle Fertigungsstufen unter einem Dach, können sie vollständig kontrollieren und haben keine Probleme mit der Sicherung von Sozialstandards entlang der Lieferkette. Das macht die Umsetzung von Cradle to Cradle® sicher einfacher.

Wie lange haben Sie experimentiert?

Wir haben etwa zwei Jahre gebraucht, bis die T-Shirts marktreif waren. Auf der Weltausstellung Expo 2010 in Shanghai waren wir mit dem ersten komplett kompostierbaren T-Shirt der Welt schon eine kleine Attraktion. Das Interesse wächst, nicht sprunghaft, aber konstant. Das ist wie bei jeder Innovation. Man braucht nicht nur eine Vision, sondern auch Durchhaltevermögen. Auch finanziell. Die ersten Serien haben wir in sehr kleinen Stückzahlen gefertigt; wir haben mit 30 angefangen. Heute fertigen wir pro Farbe und Größe Minimum 100 Stück.    

Haben es Textilhersteller leichter als beispielsweise technische Unternehmen, ihre Produkte Cradle to Cradle®-fähig zu machen?

Das weiß ich nicht. Es ist ja nicht nur eine Frage des Materials, sondern auch der Wirtschaftlichkeit und der Kundenwünsche. Innerhalb der Cradle to Cradle®-Linien sind wir modisch schon eingeschränkt. Wir können beispielsweise nicht alle angesagten Farben einsetzen, auch Pailletten, Stickereien oder andere Zierelemente sind nicht Cradle to Cradle®-zertifiziert. Bei anderen Produkten gibt es sicher andere Herausforderungen.    

Haben Sie selbst schon eines Ihrer Shirts kompostiert?

Selbstverständlich. Wir haben das zu Hause ausprobiert, eines eingegraben und hin und wieder nach dem Zustand geschaut. Nach sechs Monaten war es weg. Faszinierend.