„Zelebrieren
wir den Überfluss“

Interview mit Professor Michael Braungart, Verfahrenstechniker und einer der beiden Väter von Cradle to Cradle®.

Professor Braungart, Sie engagieren sich fast Ihr ganzes Leben für Ihre Vision der Nährstoffwirtschaft. Sie finden Nachhaltigkeit, wie wir sie denken, langweilig, Müll zu produzieren, dumm und unser romantisches Schuldgefühl gegenüber "Mutter Natur" das größte Hindernis für überfällige Innovation.

Wie entstand die Idee für Cradle to Cradle®?

Ich bin Chemiker und Verfahrenstechniker. Für mich war jemand, der Abfall erzeugt, ein schlechter Wissenschaftler, was sich in Lebewesen anreichert, schlechte Chemie. Ein Produkt, das Müll hinterlässt, hat für mich ein Qualitätsproblem. Sonst nichts. Wer ein bisschen Selbstbewusstsein und ein Gefühl für den eigenen Wert hat, kann das nicht tatenlos ansehen. Aus vielen Gesprächen und Diskussionen mit Kollegen, Naturvölkern und Staatsleuten rund um den Globus zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur entstand dann unsere Idee. Eine Idee, die unterschiedliche Sichtweisen und kulturspezifische Anknüpfungspunkte kombiniert, um Eingang zu finden: von der europäischen Nachhaltigkeitsdebatte über asiatisches Kreislaufdenken bis zu südländischer Lebensfreude und US-amerikanischer Hands-on-Mentalität. All das berücksichtigt Cradle to Cradle®.

Was hat sich in den Jahren Ihres Einsatzes für Cradle to Cradle® geändert?

Es gibt heute über 6.500 Cradle to Cradle®-Produkte auf dem Markt. Es gibt einen Masterplan für Taiwan und Luxemburg. Nordrhein-Westfalen gibt eine Studie in Auftrag, wie NRW Cradle to Cradle®-Land werden kann. Jetzt kommt sozusagen ein „freundlicher Tsunami“, es geht in die Vervielfältigung. Die Frage ist: Sind wir schnell genug? Ich habe 18 Jahre an der Entwicklung kompostierbaren Leders gearbeitet, 24 Jahre, um das gleiche für Papier zu erreichen. Inzwischen haben die letzten Gerbereischulen hierzulande geschlossen. Die Druckbetriebe sterben weg. Statt diese Innovationen zu verbreiten, lassen wir in anderen Ländern nach veralteten Verfahren fertigen und entwickeln lieber Technologien, um den so importierten Sondermüll zu entsorgen. Das macht doch keinen Sinn.

Cradle to Cradle® ist logisch, wirtschaftlich und leicht zu verstehen – was fehlt für den flächendeckenden Durchbruch?

Echte Innovation braucht Zeit. Im Durchschnitt 50 Jahre. Da liegen wir gut im Plan. Was uns jedoch komplett im Weg steht, ist die heutige Nachhaltigkeitsdiskussion. Der Mensch romantisiert „Mutter“ Natur. Jetzt wollen wir die vermeintlichen Interessen von etwas vertreten, das wir nicht kontrollieren können – und müssen uns ständig dafür entschuldigen, dass uns das nicht gelingt. Zur Wiedergutmachung versuchen wir, das, was wir tun, besser zu machen, zementieren damit aber das Bestehende, das falsch ist – und machen es damit gründlich falsch. An Nachhaltigkeit habe ich kein Interesse.

Wir müssen alles neu machen, jetzt, denn wir stehen in einem enormen Wettlauf mit der Zeit. Die Erde zerstört sich in einer derartigen Geschwindigkeit, dass wir Gefahr laufen, unsere Vitalität einzubüßen. Wir haben das Know-how, wir müssen es jetzt einsetzen, sonst sind wir nur noch mit Reparaturen beschäftigt und haben keine Kraft mehr für Innovation. Wir müssen sagen, dass wir in unseren Gebäuden nichts mehr haben wollen, was sich in Lebewesen anreichert – und unsere Beschaffungsrichtlinien neu ausrichten. Und wir müssen das richtige Wissen auch weitergeben, sonst geht mit der Wiederholung von Fehlern unnötig Zeit ins Land, die wir nicht haben.

Wo steht die Idee heute? Welche Rolle spielt die Digitalisierung? Wo ist aus Ihrer Sicht am meisten in Bewegung?

Bei Cradle to Cradle® geht es nicht so sehr um Kreisläufe, sondern mehr um Raumkonzepte. Es geht um die Formulierung von Nutzen und die Definition von Nutzungszeiträumen, um die Gestaltung von Dienstleistungen nicht von Produkten. Ein Automobilhersteller sollte eine Million Schweißpunkte kaufen, nicht 200 Schweißroboter. Ich will keine Solaranlage, sondern 20 Jahre Licht einfangen. Ich will nicht 4.360 Chemikalien für mein Wohnzimmer, ich will fernsehen. Wir müssen lernen, Nutzungswünsche zu formulieren. Die Digitalisierung hilft uns dann, diese Nutzung als Dienstleistung zu verkaufen, weil wir jederzeit wissen, wo die Materialien sind. Statt die achtfache Menge der Kupfer-Weltproduktion als physische Kapitalanlage in verschiedenen Metalllagern zu verwahren, könnte man sie für 20 oder 30 Jahre in Kreuzfahrtschiffen oder Windrädern parken. So würde man deren Produktionskosten senken, am vergebenen Nutzungsrecht verdienen – und die gleiche Wertsteigerung mitnehmen. Dinge, die verschleißen, wie Schuhsohlen oder Bremsbeläge, müssen die Biosphäre unterstützen. Dinge, die Dienstleistungen sind, die Technosphäre. Darum gibt es keinen Abfall – nur Nährstoffe.

Einer der weltweit größten Kinderartikelhersteller hat das verstanden. Kein Mensch braucht einen Kinderwagen, so lange wie er hält. Das Kind wächst. Man braucht im Verlauf viele weitere Dinge, ebenfalls nur für einen kurzen Zeitraum. Also kann man Good-Baby-Produkte zurückbringen und beispielsweise den Kinderwagen gegen ein Laufrad tauschen, erhält darauf einen Rabatt. Alle Teile sind schadstofffrei und leicht auseinanderzubauen, sodass der Hersteller sie wiederverwenden kann.

Am meisten bewegen derzeit die Holländer. Sie fragen einfach: Braungart, kann man damit Geld verdienen? Und nicht: Ist es moralisch geboten? Da kann ich antworten: Die Produkte, die man nach Cradle to Cradle® macht, sind im Durchschnitt 20 Prozent billiger. Manchmal muss man die Nutzungsdauer einkalkulieren: Wir haben Solarelemente untersucht, einige hatten nach 19 Jahren noch 93 Prozent des Wirkungsgrades, andere hatten schon nach fünf Jahren bereits die Hälfte eingebüßt. Das heißt: Verkaufe ich die Dienstleistung „Solarnutzung“, komme ich auf Sicht von 20 Jahren mit den meist deutlich investitionskostenintensiveren Premium-Elementen deutlich günstiger weg. Eine Rechnung, die beispielsweise die Solaranlagenfertigung in Deutschland wettbewerbsfähiger machen könnte. 

Branchenseitig entwickelt sich vor allem der Baubereich sehr erfreulich. Wir haben eine Kooperation mit einem Stuttgarter Beratungsunternehmen für den Bau- und Immobiliensektor. Solche Firmen bestimmen, welche Materialien in ein Gebäude reingehen und bringen gesundheitsförderliche Innovation am Bau deutlich schneller voran.

Wie behält man über 30 Jahre die Energie für so eine Idee?

Am Anfang steht schon Eitelkeit. Aber ich bin auch erfolgsgetrieben: Ich war unlängst der erste Nicht-Nobelpreisträger, der auf einer Nobelpreisträger-Tagung in Lindau einen Vortrag halten durfte. Bei der diesjährigen Biennale in Venedig bin ich der einzige Nicht-Architekt unter den Ausstellern und habe mich darum nicht einmal bewerben müssen. Zudem motivieren mich meine Studenten – meine Kurse sind innerhalb von Minuten ausgebucht, während die Nachhaltigkeitskurse nur drei bis fünf Teilnehmer haben. Die jungen Leute, die treiben einen dazu, mit ihrem Wunsch, stolz auf sich sein zu wollen. Das finde ich toll. Und von solchen Chancen kommen immer mehr. Das ist mein freundlicher Tsunami.