Zivilcourage betrachte ich als eine
Facette der Demokratiekompetenz

Interview mit Prof. Dr. Veronika Brandstätter-Morawietz, Lehrstuhlinhaberin im Fachbereich Allgemeine Psychologie – Motivationspsychologie an der Universität Zürich. 

Frau Professor Brandstätter-Morawietz, was ist überhaupt Zivilcourage?

Zivilcourage ist eine besondere Form des prosozialen Verhaltens. Kennzeichnend ist das mutige Eintreten für Schwächere, es gibt also stets einen Täter und ein Opfer, das in seiner Menschenwürde verletzt wird. Zivilcourage zeige ich öffentlich und nehme dafür notfalls auch negative Konsequenzen in Kauf.

Zivilcourage zu zeigen ist also riskant?

Ja, allerdings nicht unbedingt physisch. Oft sind es ja gar keine körperlichen, sondern verbale Übergriffe, die Zivilcourage erfordern. Trotzdem greifen viele Menschen nicht ein. Die meisten von uns fürchten allein schon das Risiko, sich zu exponieren. Dazu kommt die Angst, etwas falsch zu machen, die Situation für das Opfer womöglich noch zu verschlimmern und sich selbst zu blamieren.

Als Motivationspsychologin erforschen Sie diese Zusammenhänge seit vielen Jahren. Woher stammt Ihr Interesse?

Ich interessiere mich vor allem für die auffällige Kluft zwischen Einstellung und Verhalten: Die meisten Menschen finden Zivilcourage zwar positiv und wichtig, aber nur wenige handeln im Ernstfall danach. An meinem Lehrstuhl gehen wir der Frage nach, wie man diese Kluft überwinden kann. Ich finde es schön, damit zeigen zu können, dass die Psychologie sehr hilfreiche Ansätze hat, um gesellschaftlich relevante Fragen anzugehen. 

Kann man Zivilcourage denn trainieren?

Auf jeden Fall. Um Zivilcourage zu zeigen, benötigen Sie Wissen und Routine. Wissen darüber, wie Sie in verschiedenen Situationen adäquat reagieren können. Und Routine, um dieses Wissen in einer stressigen Situation dann auch umzusetzen. In meiner Arbeitsgruppe haben wir dazu verschiedene Trainingsmodule entwickelt.

Wie sieht so ein Training aus?

Es gibt einen Theorieteil, der nützliches Wissen vermittelt und zum Beispiel über die Einstellungs-Verhaltens-Kluft und ihre psychologischen Hintergründe aufklärt. Anschließend stärken wir die Handlungskompetenz durch Rollenspiele und Simulationen. Unter die Haut geht vielen zum Beispiel die Bus-Übung. Mit Stühlen werden dazu die Sitzreihen in einem Bus nachgebildet, dann erleben die „Fahrgäste“ wie zwei Rollenspieler aus dem Kreis der Teilnehmer und Teilnehmerinnen nach und nach immer heftiger in Streit geraten. So kann jeder Kursteilnehmer quasi live seine Wahrnehmung überprüfen: Was bekomme ich überhaupt mit? Wann greife ich ein? Prügeleien und gewalttätige Übergriffe sind natürlich schwer als Rollenspiel nachzustellen. Hier arbeiten wir stattdessen mit mentalen Simulationen, bei denen Sie sehr detailliert und lebendig eine Situation geschildert bekommen, sodass Sie Gedanken und Gefühle im Geiste gut durchspielen können.

Warum ist Zivilcourage so wichtig?

Zivilcourage betrachte ich als eine Facette der Demokratiekompetenz. Nur wenn jeder einzelne von uns Verantwortung übernimmt, einen toleranten, respektvollen, an den Grundrechten und der Menschenwürde orientierten Umgang miteinander sicherzustellen, ist das hohe Gut Demokratie gesichert. Es lohnt, sich dafür einzusetzen.