Lieber nochmal eine Nacht
darüber schlafen

Annika Dulige, Geschäftsführerin und Coach des Hanseatischen Instituts für Coaching, Mediation und Führung, über den richtigen Zeitpunkt für eine Entscheidung und wie man anschließend mit ihr leben kann.

Frau Dulige, jeder kennt die Formulierung „die Zeit ist reif für eine Entscheidung“. Gibt es wirklich einen Zeitpunkt, ab dem man eine Entscheidung nur noch aufschiebt?

Wenn man sich nicht entscheiden will, weil negative Konsequenzen oder Gefühle im Weg stehen, ist das ein Zeichen dafür, dass es viel Ungeklärtes gibt. Der gegenwärtige Zustand, also vor der Entscheidung, stellt etwas sicher, das für den Betroffenen richtig und wichtig ist. In so einer Situation ist die Zeit noch nicht reif für eine Entscheidung. Eine Entscheidung muss sich stimmig anfühlen.

Woran erkenne ich, dass der Zeitpunkt für eine Entscheidung gekommen ist?

Zu einer Entscheidung trägt maßgeblich das Unbewusste bei, zu 80 bis 90 Prozent. Wir haben durch vergangene Erfahrungen und Prägungen sehr viel unbewusst abgespeichert. Bewusstes trägt also nur zu zehn bis 20 Prozent zu einer Entscheidung bei. Gehen mit einer anstehenden Entscheidung negative Gefühle, Gedanken, Träume oder körperliche Symptome einher, dann ist das auf die erwähnten 80 bis 90 Prozent zurückzuführen. Diese Signale sollte man ernst nehmen und bearbeiten. Vorher ist die Zeit noch nicht reif für eine Entscheidung. Ansonsten muss man womöglich einen Preis dafür bezahlen.

Man kann sich also zu früh entscheiden.

Ja. Zu einer verfrühten Entscheidung kommt es insbesondere, wenn man nur die Vorteile sieht, die die Entscheidung mit sich brächte – und so durch die aufkommende Euphorie geblendet wird. Es gibt also einen guten Grund für die Redewendung, man solle nochmals eine Nacht darüber schlafen.

Eine Entscheidung braucht also Zeit. Was, wenn man die nicht hat, weil die Frist fremdbestimmt ist?

Das ist ja häufig so. Man sollte sich, soweit möglich, die Vorteile der jetzigen Situation verdeutlichen und sich überlegen, welche Nachteile die Entscheidung mit sich bringen kann. Man muss sich über den Preis im Klaren sein, den man zu zahlen hätte, wenn man die negativen Konsequenzen wegen des Zeitdrucks nicht vorher angehen kann. Geht es zum Beispiel um eine neue Arbeitsstelle, dann kann man sich überlegen, ob manche der verbliebenen Nachteile auch noch später zu beseitigen wären – etwa, dass man nach der Einarbeitungszeit seinen Vorgesetzten wegen eines Tages Homeoffice pro Woche anspricht, um die längere Anfahrt zur Arbeit zu kompensieren.

Was hilft, wenn man mit einer Entscheidung hadert, weil man sie rückblickend so nicht mehr treffen würde?

Wenn wir uns entscheiden, dann tun wir das Beste, was in diesem Moment möglich ist. Die damalige Entscheidung hat in jenem Moment etwas sichergestellt. Das sollte man sich vor Augen führen, um im Rückblick sein Handeln anerkennen zu können. Man lernt aus Erfahrung.