„Wir sollten emotionalen Entscheidungen
in Organisationen mehr Raum geben“

Dirk Osmetz und Stefan Kaduk sind promovierte Wirtschaftswissenschaftler und gründeten im Jahr 2001 an der Universität der Bundeswehr die Musterbrecher-Initiative. Ihre Schwerpunkte liegen auf der Frage, wie der sinnvolle Musterbruch inmitten von Sachzwängen und inflationären Managementmoden gelingen kann. HaysWorld hat die beiden Managementberater zur Entscheidungsfindung in Unternehmen befragt.

Gibt es Muster bei Entscheidungen, denen wir folgen?

Dirk Osmetz
: Wir glauben bis heute an rational-klassische Entscheidungszyklen: Wir analysieren die Ausgangslage, wir legen Optionen aus, wir definieren ein Ziel. Und dann versuchen wir, die Optionen mit dem Ziel abzugleichen – mithilfe von Nutzwertanalysen. De facto entscheiden wir aber meist emotional und finden im Nachhinein Gründe, sie rational zu kommunizieren. Daher sollten wir emotionalen Entscheidungen in Organisationen mehr Raum geben.

Stefan Kaduk
: Diese klassische Entscheidungslogik unterstützt Entscheidungen durch Instrumente: Wir füttern ein System, dann passiert etwas und anschließend kommt eine Entscheidung heraus.

Wie lassen sich Entscheidungsfindungsprozesse verbessern?

Dirk Osmetz
: Die besten Entscheidungen treffen wir, wenn wir sie intensiv vorbereiten, sie dann ruhen lassen und anschließend emotional fällen. In die Vorbereitung sollten möglichst viele involviert werden und miteinander reden. Anschließend erhält der Entscheider einen Zeitraum, in dem er im Idealfall nicht darüber nachdenkt und danach spontan entscheidet. Wir tun das Gegenteil: Wir bereiten extern rational vor, die Entscheidungsvorlage kommt zum Chef, und er entscheidet.

Entscheiden agile Organisationen anders als Linienstrukturen?

Stefan Kaduk: Sie gehen nicht den Umweg über ein Wissensmanagementsystem, das befragt wird. Sondern entscheiden eher auf der Grundlage eines intakten Beziehungsgeflechts. In agilen Organisationen werden Entscheidungen über zuvor geführte Dialoge legitimiert, die auf einer hohen Beziehungsqualität basieren. Dann ist auch das Vertrauen da, dass eine getroffene Entscheidung über die Beziehungsqualität gemeinsam getragen wird. Agile Organisationen sind nicht über klassische Entscheidungsprozesse durchdekliniert, die auf Absicherung ausgelegt sind.

Bedeutet dies, dass ein Schwarm entscheidet?

Stefan Kaduk
: Auf den Begriff Schwarm reagieren wir mittlerweile allergisch. Wir sind keine Ameisen. Natürlich ist es gut, Menschen einzubeziehen. Aber wir dürfen Agilität nicht verwechseln mit einer radikalen Unternehmensdemokratie. Am Ende muss eine Entscheidung getroffen werden. Es gibt Eigentumsverhältnisse, deswegen ist es auch blauäugig, wenn wir durchgängig von Unternehmensdemokratie sprechen.

Dirk Osmetz
: Organisationen brauchen zum einen den Raum, in dem viele Menschen über die Probleme reden. Und andererseits wenige, die sich gut verstehen, die wirklich Vertrauen zueinander haben – es geht hier nicht um Sozialromantik – und die vielleicht sogar in sich vielfältig sind. Die treffen dann die Entscheidungen. Es macht folglich Sinn, dass Organisationen überlegen, wie sie viele Menschen im Vorfeld einbinden können, die den wenigen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen.