Drei-Fragen-an
Prof. Dr. Ricarda Merkwitz

Drei-Fragen-an Prof. Dr. Ricarda Merkwitz von der International School of Management (ISM) in München

1. Was ist das Shared Leadership eigentlich? Ist es ein ganz neues Prinzip?

In einer Ausprägung von Shared Leadership übertragen Chefs gewisse Führungsaufgaben an Teammitarbeiter. Die zweite und von uns untersuchte Definition beinhaltet das Teilen einer Position – meist von zwei Führungskräften. Entweder arbeiten beide Mitarbeiter in Vollzeit, da der Aufgabenbereich sehr groß ist, oder in Teilzeit, was oft bei Frauen in Co-Leadership-Positionen praktiziert wird. Das Prinzip der Arbeitsteilung ist keine neue Methode. Sie ist heute aber bedeutender denn je. Die Aufgaben sind vielfältiger und herausfordernder. Durch die Digitalisierung sind neue Prozesse und Themen hinzugekommen. Ich denke auch, dass wir grundsätzlich unser Verständnis von Führung verändert haben – im Sinne von mehr flexiblen Arbeitsformen und -zeiten.

2. Was bringt dieser Ansatz den Unternehmen letztlich?

Wir erleben einen Wandel von einem arbeitgeber- in einen arbeitnehmerdominierten Arbeitsmarkt und es fehlen Fachkräfte. Wir haben gut ausgebildete Arbeitnehmer, wie Mütter oder Väter, die nicht wieder in den Job einsteigen, da attraktive Teilzeitangebote fehlen. Hinzu kommen Menschen in Altersteilzeit, die in einem geringen Stundenrahmen weiterarbeiten würden. Über die Shared-Leadership-Modelle haben Unternehmen die Chance, diese stille Arbeitsmarktreserve zu wecken. Eine sehr attraktive Option, um vom „Karrierekiller” Teilzeit wegzukommen und auf dem gleichen Level weiterzuarbeiten – ohne überfordert zu werden. Unserer Erfahrung nach sind Arbeitskräfte in geteilten Führungssituationen sehr motiviert. Sie wissen, was sie haben. Natürlich vergrößert sich auch das Potenzial: Sie haben gemeinsam mehr Erfahrung und Know-how.

3. Was sind Voraussetzungen im Unternehmen, damit es funktioniert?

Grundsätzlich sollten Unternehmen bereit für Veränderung sein. Sie müssen sich im Klaren sein, dass Jobsharing vorhandene Strukturen verändert. Ich als Personalerin bin der Meinung – und das ist wissenschaftlich untersucht –, dass die Arbeitswelt von morgen viel stärker von Netzwerken geprägt sein wird. Über geteilte Führungsmodelle bewegen wir uns weg von der klassischen Linienstruktur hin zu einer Netzwerkorganisation.
Eine Sache ist dabei ganz zentral: das Commitment der Geschäftsleitung. Sie muss hinter dem Modell stehen, sonst funktioniert es nicht. Tut sie es nicht, gibt es viel Kritik und eine grundsätzlich negative Haltung, weil der Wille zur Umsetzung fehlt.
Vielen Dank für das Gespräch!