Gefragt:
Agilität und Projekt-Know-how

Energieversorger suchen Fachkräfte, deren Qualifikationen wenig mit dem traditionellen Geschäft zu tun haben. Hays-Experten benennen den Bedarf.

Umwälzungen, wie sie die Energiewirtschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten – und in den letzten 20 Jahren davon sogar beschleunigt – erlebt hat, bringen auf dem Arbeitsmarkt zwangsläufig Gewinner und Verlierer hervor: Manche Qualifikationen sind kaum oder nicht mehr gefragt, andere dafür umso mehr oder gar erstmalig. Diese Umwälzungen lassen sich auch quantitativ an den Beschäftigtenzahlen ablesen, zum Beispiel bei RWE. „2005 hatte das Unternehmen noch 85.000 Mitarbeitende. Infolge der durch die Energiewende notwendigen Neuausrichtung zählt es heute nur noch knapp 20.000“, sagt Lars Janßen, Account Director bei Hays. „Ich rechne im Energiesektor auch künftig mit Zusammenschlüssen und Konsolidierungen, sodass die Zahl der Beschäftigten in der Branche vermutlich weiter sinkt.“

Dennoch – auch für die Energieversorger gilt: Sie suchen Fachkräfte und bieten diesen spannende Karrieremöglichkeiten, nur eben in anderen Aufgaben als früher. Zum Beispiel für Erneuerbare Energien: „Für den weiteren Ausbau der regenerativen Energien sind vor allem Ingenieure und Informatiker gesucht“, sagt Janßen. „Aber auch das Handwerk profitiert, zum Beispiel Photovoltaik-Anlagenbauer.“ Und sein Kollege Oliver Kienzler, Client Manager bei Hays, ergänzt: „Das ist typisches Projektgeschäft, in dem häufig Ingenieurbüros, freiberufliche IT-Fachkräfte oder qualifizierte Expertinnen und Experten in der Arbeitnehmerüberlassung zum Zuge kommen.“ Ähnlich gefragt sind Spezialistinnen und Spezialisten für den Netzausbau und den Aufbau des viel beschworenen Smart Grids, um trotz stärker fluktuierender Energieerzeugung das Stromnetz stabil zu halten. Hier seien insbesondere Engineering- und IT-Fachkräfte gesucht, so Janßen, für die es schon jetzt Engpässe auf dem Kandidatenmarkt gebe.

Gute Karten für alle, die agile Projektmethoden beherrschen

In den Unternehmen festangestellt werden künftig mehr Projektmanagerinnen und -manager arbeiten. „Sie formulieren gemeinsam mit den oft externen Fachleuten die Anforderungen“, so Kienzler. „Zudem klären sie die Auswirkungen eines Projekts auf das Unternehmen ab und sorgen für die passende Budgetierung.“ Zunehmend gefordert sei dabei ein Multiprojektmanagement, also die gleichzeitige Begleitung mehrerer Projekte – so, wie dies in der Automobilindustrie schon länger üblich sei.

Da die Digitalisierung und neue Vertriebsmodelle ein schnelles Handeln erfordern, hat das Thema Agilität für die Energieversorger eine hohe Bedeutung bekommen. Denn nur mit einem agilen Methodenansatz lassen sich Ideen und Prototypen rasch erproben – und bei Erfolg in ein Geschäftsmodell überführen. „Nicht nur in klassischen IT-Bereichen, sondern auch in neuen Geschäftsfeldern wie E-Mobilität oder Windkraft sind agile Projektmethoden gefragt, was zum Beispiel Scrum Coaches, Scrum Mastern oder Product Ownern zum Vorteil gereicht“, sagt Kienzler. „Bei der technischen Umsetzung einer Softwarelösung müssen Kandidatinnen und Kandidaten die Fähigkeit mitbringen, Entwicklung und IT-Administration aus einer Hand strukturiert miteinander zu verbinden – Stichwort DevOps.“ Aufgrund des großen Nachholbedarfs gerade bei modernen Vertriebsmodellen sieht Janßen durchaus große Chancen für „digitale Talente, die bislang in anderen Branchen aktiv waren“, etwa Data Scientists oder Social-Media-Managerinnen und -Manager aus den Bereichen Einzelhandel und E-Commerce.

Wie grundlegend der Umbruch ausfällt, verdeutlicht er mit Blick auf die Zukunft: „Die digitale Transformation wird die Branche auch nach 2025 weiter beschäftigen. Womöglich erfordern dann neue Innovationen Qualifikationen, die wir heute noch gar nicht kennen.“ Für Fachkräfte heißt das: Das viel beschworene lebenslange Lernen ist aktueller denn je.

 

Michael Vogel