Grüner wohnen

Architektur kann schön sein oder hässlich oder auch einfach nur zweckdienlich. Und (gute) Architektur kann noch viel mehr: Sie kann helfen Probleme zu lösen, soziale ebenso wie ökologische. Für die Städte von morgen ist Architektur deshalb eine wichtige Disziplin, wenn es darum geht, sich zukunftsfähig aufzustellen. Wir haben ein paar außergewöhnliche Gebäude zusammengestellt, die heute schon einen Vorgeschmack darauf geben, was morgen vielleicht zum Standard werden könnte.

Aus Schutt wird schön: Future House Ulvenhout
Ein Haus aus Bauschutt? Ja, richtig gelesen: Für die Klinkerfassade des Future House im niederländischen Ulvenhout wurden über zehn Tonnen Bauabfälle wiederverwertet. Das niederländische Unternehmen StoneCycling bietet damit einen Lösungsansatz für ein weltweit immer drängenderes Problem: Sandknappheit. Vor allem für die Herstellung von Beton, also zum Bauen, wird viel mehr Sand abgebaut als auf natürlichem Weg wieder entstehen kann. Statt auf „neuen“ Sand setzen die Niederländer deshalb auf das Prinzip des Urban Mining, bei dem Städte als Rohstofflager genutzt werden und Bauschutt nicht auf der Deponie landet, sondern aufbereitet und wiederverwertet wird – zum Beispiel für schicke Klinkerfassaden. 

Helsinkis kollektives Wohnzimmer: Zentralbibliothek Oodi

Ein architektonischer Hingucker und ein zugleich ganz besonderer Ort sozialen Miteinanders ist die Zentralbibliothek Oodi in der finnischen Hauptstadt Helsinki. Konzipiert vom finnischen Architekturbüro ALA Architects öffnete das imposante Gebäude aus Fichtenholz, Stahl und Glas im Dezember 2018 seine Pforten. Natürlich kann man hier Bücher lesen und ausleihen – aber nicht nur das. Auf rund 17.000 Quadratmetern stehen den Nutzerinnen und Nutzern der Bibliothek außerdem 3-D-Drucker und Nähmaschinen zur Verfügung, es gibt Musikstudios, Kinos, Bastel- und Elektroniklabore, Konferenzräume und Co-Working-Bereiche. Auf einer Tafel im ersten Stock steht: „Jeder hat das Recht, in der Bibliothek zu sein. Herumhängen ist erlaubt, ja sogar erwünscht. Rassismus und Diskriminierung haben in dieser Bibliothek keinen Platz. Oodi ist unser gemeinsames Wohnzimmer.“

Alter Baustoff für neue Büros: Alnatura Arbeitswelt in Darmstadt

Beim Neubau ihres Verwaltungssitzes hat die Bio-Supermarktkette Alnatura auf ein sehr altes Baumaterial gesetzt: Die Außenwände der 2019 bezogenen „Arbeitswelt“ in Darmstadt bestehen aus einer Stampflehmfassade. Der natürliche Baustoff gilt als besonders nachhaltig, da er langlebig ist, Wärme speichern kann und umweltfreundlich herzustellen und zu entsorgen ist. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat das Bürogebäude mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur 2020 ausgezeichnet. In der Begründung heißt es, die „Arbeitswelt“ sei „ein echtes Vorbild für eine hochwertige, klimagerechte Architektur“.

Klimaanlage für die Innenstadt: Grüne Fassade des Kö-Bogen II

Europas größte grüne Fassade wächst – und gedeiht hoffentlich – in Düsseldorf: Über 30.000 Hainbuchen zieren seit Frühjahr 2020 die Außenwände des „Kö-Bogen II“ genannten Büro- und Geschäftskomplexes im Zentrum der Landeshauptstadt von NRW. Die Begrünung soll als natürliche Klimaanlage für die Innenstadt fungieren: Die Bäume verhindern, dass sich das Gebäude durch Sonneneinstrahlung zu stark aufheizt und die Hitze an die Umgebungsluft abgibt. Gleichzeitig verdunsten die Blätter Feuchtigkeit und sorgen so zusätzlich für Kühlung. Hinzu kommt das Potenzial der Pflanzen, CO2 aufzunehmen und Sauerstoff wieder abzugeben. Nach Angaben des verantwortlichen Architekturbüros ingenhoven architects entspricht der ökologische Nutzen der Hainbuchenfassade dem von 80 ausgewachsenen Laubbäumen.

Großstadtdschungel: Singapur setzt auf grüne Architektur

Singapur gilt nicht nur als besonders teuer und besonders sauber, sondern auch als grünste Stadt Asiens. Eine „Stadt im Garten“ will die Metropole sein und verfolgt dafür ein ehrgeiziges Begrünungskonzept, das mithilfe von strikten Regelungen umsetzt wird. Eine Vorgabe lautet, dass Architekten in dem Stadtstaat jeweils so viel Fläche begrünen müssen, wie sie bebauen. Bei Neubauten zählen Grünräume nicht zur Gesamtgeschossfläche – sprich: je grüner desto großzügiger kann gebaut werden. Das Ergebnis sind zahlreiche üppig bewachsene (Luxus-)Gebäude im Stadtbild. Auf diese Weise soll die Stadtluft gereinigt, das Klima verbessert werden – und die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner steigen.