„Finanzielle Rendite kann nicht die einzige Zielkennzahl sein“

Mit seinem Unternehmen stellt Hans-Dietrich Reckhaus Insektenbekämpfungsmittel her. Gleichzeitig entwickelt er Konzepte, um die Biodiversität zu fördern. Seine Branche will er so von innen heraus verändern. Ein Interview über Pioniere, grüne Schafe und übers Umdenken.

Der Wandel von Reckhaus vom Insektentöter zum Insektenretter hat ein großes mediales Echo ausgelöst. Wie hat die Belegschaft auf diesen radikalen Schwenk reagiert?

Die Belegschaft hat zunächst mit Unverständnis reagiert. Viele Mitarbeitende hatten Angst, dass der Chef nun verrückt geworden ist und ihre Arbeitsplätze gefährdet sind. Inzwischen haben aber viele aus dem Team verstanden, dass wir unternehmerische Lösungen für das Insektensterben brauchen und manche sind sogar stolz, bei einem Pionier dafür zu arbeiten.

Ihr erklärtes Ziel ist es, Ihre Branche zu revolutionieren. Sehen Sie Erfolge?

Teils, teils. Der Markt reagierte lange nicht auf das von uns entwickelte Gütezeichen „Insect Respect“. Das Siegel steht für eine ökologisch ausgeglichene Insektenbekämpfung: Auf Produkten garantiert es, dass ein insektenfreundlicher Lebensraum zur Förderung der Biodiversität angelegt wurde. Inzwischen konnten wir große Kunden wie dm, Rossmann und ALDI für Insect Respect gewinnen und immer mehr – auch branchenfremde – Unternehmen begrünen ihre Firmengelände mit uns für die Insekten und Biodiversität. Wir erhalten viele Auszeichnungen für Nachhaltigkeit, Kooperation und Innovation. In der Branche bin ich jedoch nach wie vor das schwarze beziehungsweise grüne Schaf, das ungern zu Veranstaltungen eingeladen wird.

Ökonomisch geht Ihre Strategie noch nicht auf: Sie haben seit 2015 rund 25 Prozent Ihres Umsatzes und 75 Prozent Ihrer Rendite verloren. Das dürfte potenzielle Nachahmer eher abschrecken. Wie argumentieren Sie?

Wir haben momentan einen Ressourcenverbrauch von drei Erden und gehen mit Umwelt und Menschen einfach nicht nachhaltig um. Wie lange soll das noch gutgehen? Finanzielle Rendite kann nicht mehr die einzige Zielkennzahl sein. Mir geht es darum, mit Sinnvollem Geld zu verdienen. Und ich kann die Branche von innen heraus viel besser verändern. Das meine ich, wenn ich in meinem Buch „Fliegen lassen“ sage, die Wirtschaft muss radikal und konsequent neu wirtschaften.

Wie wollen Sie Ihren Umsatz steigern?

Wir transformieren das Geschäftsmodell: Vom Hersteller chemischer Produkte zum Anbieter ökologischer Dienstleistungen. Diese Umweltservices sollen anteilig nach oben gehen: Wir generieren unseren Umsatz künftig verstärkt über die Beratung und Anlage von insektenfreundlichen Lebensräumen. Mit Veranstaltungen und Publikationen fördern wir die Bewusstseinsbildung für den Wert von Insekten und wir bieten Ausgleichsleistungen für Insektenverluste an.

Würden Sie den Umbruch, den Ihr Unternehmen durchläuft, trotzdem als Chance bezeichnen, auch wenn der wirtschaftliche Erfolg noch nicht da ist?

Ein Weiter-wie-bisher hätte uns auf Dauer nicht erfolgreich bleiben lassen. Das sickert langsam auch in der Branche durch. Der Wandel ist mit Blick auf das Insektensterben und den völlig übersättigten Markt nur folgerichtig. Für mich persönlich ist es ein Erfolg, weil mir meine Arbeit jetzt Spaß macht und sinnvoll erscheint. Wenn das auch andere inspiriert, umso besser.