„Trainieren Sie den Perspektivwechsel“

Werner Greve ist Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Hildesheim. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt die Entwicklung des Selbst über die Lebensspanne und der Umgang mit Lebenswenden.

In Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit gilt Resilienz als wichtiger Soft Skill – was genau steckt eigentlich hinter diesem Begriff?

Über die Antwort wird in der Fachwelt seit über 70 Jahren diskutiert. Früher hat man Resilienz eher als statische Eigenschaft gesehen, die manche haben und andere nicht. Mittlerweile versteht man darunter eher ein Bündel von internen und externen Schutzfaktoren. Dazu zählen beispielsweise Persönlichkeitsmerkmale wie Humor, Optimismus oder Selbstvertrauen, aber auch soziale Kontakte, insbesondere eine Person, die in jeder Situation fest zu einem hält, bildhaft gesprochen die liebevolle Oma.

Als selbstbewusster Optimist mit einer liebevollen Oma bin ich also für jede Krisensituation gewappnet?

Nicht ganz, denn je nach Herausforderung kann jede einzelne dieser Ressourcen positiv oder negativ wirken. Eine starke Selbstwirksamkeit, also der feste Glaube an sich selbst („Ich komm schon klar“), kann beispielsweise zum Problem werden, wenn Sie eine Krise tatsächlich nicht allein bewältigen können und besser Hilfe annehmen sollten. Ich persönlich definiere Resilienz deshalb als eine situationsabhängige Konstellation von inneren und äußeren Ressourcen, passend für die jeweilige Herausforderung.

Es gibt also kein Patentrezept für Resilienz?

Nein, die eine, universale Resilienz gibt es aus meiner Sicht nicht. Sie können aber daran arbeiten, dass möglichst oft die passende Resilienzkonstellation für Sie eintritt. Ich nenne das Ressourcen für Ressourcen schaffen.

Was muss ich dafür tun?

Meine wichtigste Empfehlung lautet: Trainieren Sie den Perspektivwechsel. Ich kann belastende Umstände oder Krisen wie eine schwere Krankheit, den Verlust eines geliebten Menschen oder eine Kündigung zwar nicht wegdiskutieren. Ich rate auch gar nicht dazu, sich alles schönzureden oder negative Aspekte zu ignorieren. Aber ich kann meine Sicht auf die Dinge verbreitern. Die Fähigkeit zum Perspektivwechsel ist privat und beruflich ein nützlicher Soft Skill. Sie können und sollten sie täglich im Alltag trainieren.

Haben Sie dafür Beispiele?

Eine schwere Krankheit kann mir zum Beispiel zeigen, wie sehr ich von meiner Familie geliebt werde oder wie viel ich meinen besten Freunden bedeute. Daraus lässt sich Kraft schöpfen. Wenn Sie Ihr aufbrausender Chef oder ein intriganter Kollege stresst, denken Sie daran, dass irgendjemand auf der Welt diese Person liebt. Versuchen Sie, sich die liebenswerten Seiten vorzustellen, um Stress abzubauen. Das funktioniert auch mit einem langweiligen Seminar. Statt sich über die vergeudete Zeit zu ärgern, machen Sie eine sportliche Herausforderung daraus, bei jeder Sitzung den einen gut versteckten positiven Aspekt zu finden. So wird die Sache spannend und das Zuhören fällt leichter.

Klingt plausibel, aber hilft das auch, wenn es wirklich knüppeldick kommt?

Je nach Krise braucht ein Perspektivwechsel mehr oder weniger viel Zeit. Nehmen Sie sich diese Zeit, haben Sie Geduld mit sich selbst. Wir lernen ein Leben lang aus unseren Erfahrungen. Meine Forschungsarbeit mit älteren Menschen zeigt beispielsweise, dass nur wenige depressiv werden, obwohl sich im Alter die Verluste häufen. Die Jahre lehren uns, dass man mehr als eine Sichtweise auf die Dinge haben kann. Denken Sie an Ihre erste gescheiterte Liebe. Wahrscheinlich wären Sie bei einem Wiedersehen nach 20 Jahren froh, dass Sie heute nicht verheiratet sind, auch wenn damals die Welt untergegangen ist.

Apropos Liebe: Gehört Beziehungspflege zum persönlichen Resilienzprogramm?

Ich würde nicht sagen, dass Sie Freundschaften oder Ihre Partnerschaft nur deshalb pflegen sollten, um in Krisenzeiten resilienter zu sein. Ich wähle eher den umgekehrten Ansatz und versuche, aufmerksam für Probleme und Notsignale aus meinem Umfeld zu bleiben. Wenn ich bemerke, dass mein Kollege seit Tagen eine Sorgenfalte auf der Stirn hat und darauf mit einer netten Geste eingehe, bin ich vielleicht Teil seiner Resilienzkonstellation geworden.

 

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