„Nicht regellos“
Interview mit Jörg Ortlepp

Jörg Ortlepp, Bereichsleiter bei der Unfallforschung der Versicherer, hat sich mit dem Thema Shared Space im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft befasst. Die Diskussion hat sich inzwischen versachlicht, stellt Ortlepp zufrieden fest.


Herr Ortlepp, was ist Shared Space und was ist es nicht?

Shared Space ist eine Planungsphilosophie, um Straßen so zu gestalten, dass es ein Miteinander der Verkehrsteilnehmer gibt. Es war nie ein Ansatz, um gefährliche Verkehrsbereiche sicherer zu machen, sondern wird oft dort eingesetzt, wo es bereits vor dem Umbau kaum zu Unfällen kam.

Ist Shared Space regellos?

Auch im Shared Space gilt die Straßenverkehrsordnung, also Dinge wie das Rechtsfahrgebot, die gegenseitige Rücksichtnahme, das Gebot der situationsangepassten Geschwindigkeit oder das Gebot, dass Fußgänger den kürzesten Weg bei der Überquerung einer Fahrbahn nehmen sollten.

Also ist Shared Space gar nichts Neues?

Elemente der Verkehrsberuhigung gibt es in Deutschland bereits seit den 1970er-Jahren. Fußgängerzonen, Tempo-30-Zonen und Spielstraßen sind Beispiele dafür. Wichtig ist dabei immer, dass verkehrsberuhigte Bereiche so gestaltet sein müssen, dass bei den Verkehrsteilnehmern die Bereitschaft entsteht, die geltenden Regelungen tatsächlich zu befolgen. Es genügt nicht, ein paar Schilder und Blumenkübel aufzustellen. So eine Umgestaltung kostet Geld.

War die ganze Debatte um Shared Space also unnötig?

Nein, das hat der Diskussion um die Frage, wie Räume in Städten umgestaltet werden können, schon einen Schub gegeben. Zum Beispiel war früher unumstritten, dass sich eine Straße mit 2.000 Fahrzeugen pro Tag verkehrsberuhigt gestalten lässt, aber bei 10.000 bis 15.000 Fahrzeugen pro Tag gab es Diskussionen. Da denken die kommunalen Verwaltungen inzwischen um. Aber regellos wird es dadurch nicht.