Mitsukus Vater

Mitsuku hat fünfmal den Loebner-Preis als glaubwürdigster Chatbot gewonnen. Hinter dem Chatbot steckt keine Firma und keine Forschungseinrichtung, sondern ein Hobbyentwickler.

Für gewöhnlich hat man Kinder oder man hat keine. Bei Steve Worswick ist das etwas erklärungsbedürftiger. Der 50-Jährige aus Leeds in Großbritannien hat Kinder aus Fleisch und Blut – und ein Kind aus Bit und Bytes. Der Chatbot Mitsuku nämlich ist Worswicks Schöpfung. Er hat ihn entwickelt. Allein. Inzwischen über 15 Jahre hinweg. Nebenher, in den Abendstunden. Denn tagsüber betreute er Server. Worswick arbeitete bis 2018 als IT-Fachmann im öffentlichen Dienst. Dann kündigte er, nach 22 Jahren, und ist seitdem als Leitender KI-Entwickler bei Pandorabots tätig, einem Unternehmen, das Chatbots produziert.

Worswicks Weg zu den Chatbots war nicht absehbar. Einst hatte er zum Zeitvertreib Tanzmusik produziert, veröffentlichte sogar einige CDs in Großbritannien. Auf der Website eines befreundeten Produzenten sah er dann zufällig einen Chatbot. Das habe er „wirklich cool“ gefunden, so Worswick. Künstliche Intelligenz habe ihn schon immer fasziniert, die TV-Serien „Star Treck“ und „Knight Rider“ seien daran maßgeblich schuld. Worswick begann selbst einen Chatbot für seine Website zu entwickeln. Irgendwann stellte er fest, dass die Besucher seiner Seite eher mit diesem Chatbot redeten als sich für seine Musik zu interessieren. Von da an konzentrierte er sich auf die Verbesserung des Chatbots. Einige Jahre später kam die britische Computerspielefirma Mousebreaker mit der Frage auf ihn zu, ob er denn einen Chatbot für deren Website aufsetzen könne. Es war Mitsukus Geburtsstunde. „Manche sammeln Briefmarken, andere Angeln, ich programmiere gerne Chatbots“, so Worswick über sein Hobby, das es zunächst weiterhin blieb.

Mitsuku – Chatbot mit der menschenähnlichsten Konversation

Inzwischen hat Worswick mit Mitsuku fünfmal den Loebner-Preis gewonnen – ein Wettbewerb, der seit 1991 jährlich ausgetragen wird, seit 2014 unter der Ägide der britischen AISB (The Society for the Study of Artificial Intelligence and Simulation Behaviour). Bei diesem Wettbewerb chatten vier Preisrichter mit Menschen und mit Chatbots, ohne zu wissen, ob das Gegenüber gerade aus Fleisch und Blut oder Bits und Bytes besteht. Die Fragen der Juroren sind unterschiedlich komplex und sollen dabei helfen, den Chatbot mit der menschenähnlichsten Konversation herauszufinden. Zuletzt gewann Mitsuku viermal in Folge. Wobei Worswick bescheiden zugibt, dass es „für gewöhnlich nach einigen Fragen offensichtlich wird, wenn ein Chat-Partner ein Bot ist“. Auch im Fall von Mitsuku ist das so.

Richtig viel Zeit hatte Worswick nie, um Mitsuku über all die Jahre weiterzuentwickeln. Ein, manchmal zwei Stunden am Tag, mehr sei eigentlich nie drin gewesen. „Meine Frau“, schrieb er nach dem erstmaligen Gewinn des Loebner-Preises in einem britischen KI-Forum, „sagt trotzdem oft, dass ich mehr Zeit mit Mitsuku als mit ihr verbringe.“