HaysWorld
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Mit Scharfsinn
und Spürnase

Begabung und Erfahrung scheinen die Schlüsselfaktoren zu sein, wenn Ermittler Situationen blitzschnell erfassen oder Verdacht schöpfen, noch bevor der Verstand seine Analysearbeit beginnt.

"Nun verraten Sie mir doch mal, Herr Kommissar, wieso haben Sie den als Mörder Überführten überhaupt nochmals verhört? Der Kerl gehörte doch gar nicht zum engeren Kreis der Verdächtigen." "Ich weiß es nicht genau, Chef. Da war so ein Gefühl. Irgendetwas sagte mir, dass mit dem Mann etwas faul ist."

Krimifreunde sind fasziniert von Gesetzeshütern, die über ein verlässliches "Bauchgefühl", einen genialen "sechsten Sinn" oder eine untrügliche "Spürnase" verfügen. Wie aber sieht es in der Realität aus? Welche Rolle spielt die Intuition bei Kriminalisten und der von Rationalität geprägten Polizeiarbeit?

Tatsächlich gibt es zahlreiche belegte Fälle, bei denen Straftaten aufgrund der Intuition erfahrener Polizeibeamter vereitelt oder aufgeklärt werden konnten. Sei es der Drogenfahnder am Flughafen, der immer wieder erfolgreich aus Tausenden von Flugreisenden Drogenkuriere herausfischt, oder der Streifenpolizist, der einer Ahnung folgend ein Fahrzeug stoppt und dabei einen gesuchten Verbrecher aufspürt.

Intuition ist so wichtig wie der Einsatz modernster technischer Hilfsmittel

Dr. Christiane Lentjes Meili, Chefin der Kriminalpolizei Zürich, misst der Intuition große Bedeutung bei. Sie bekräftigt: "Mindestens ebenso wichtig wie der Einsatz modernster technischer Hilfsmittel ist die Intuition der Kriminalisten. Ihr taktisches Geschick und ihre Fähigkeit, aus Sachverhalten die richtigen Schlüsse zu ziehen."

Das anfängliche Bauchgefühl, der unmittelbare Verdacht, das gefühlte Erfassen der Situation, wird in der Regel von Denkprozessen begleitet, die dem Verstand und der Vernunft zuzuordnen sind. Gerd Schmelz, Professor für Kriminalwissenschaften an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung (HfPV) in Wiesbaden, bestätigt: "Das ureigene kriminalistische Denken und Handeln hat in erster Linie mit logischem, analytischem Denken zu tun." Vor seiner Tätigkeit als Fachhochschullehrer war Schmelz selbst 21 Jahre als Kriminalbeamter im Einsatz. Als ehemaliger Kriminaldirektor und Leiter diverser Sonderkommissionen (Tötungsdelikte, Bandenkriminalität) kennt er den Polizeialltag und die Ermittlungspraxis aus dem Effeff. Auch er räumt ein: "Es gibt diese Spürnasen. Es gibt Kollegen, die rausfahren, eine Situation vorfinden und intuitiv spüren: Hier stimmt etwas nicht."

Intuition baut auf Erfahrung auf

Woher kommt diese Fähigkeit? Kann man diese Art Handlungsautomatismus, der uns Richtiges tun lässt, erlernen? Prof. Schmelz glaubt nicht daran: „Intuition baut auf Erfahrung auf und wird genährt aus Erfahrung. Erfahrene Kollegen haben häufig die Fähigkeit, über alle analytischen Ansätze hinaus aus dem Gefühl heraus Verdacht zu schöpfen. Es handelt sich dabei um Personen, die über eine große Portion an Denkfähigkeit, abstraktem Denkvermögen und Kreativität verfügen. Sie müssen die Möglichkeit für realistisch halten, dass irgendetwas sein kann, was sich konkret tatsächlich nicht so darstellt. Erlernen kann man dies nach meiner Auffassung nicht. Für mich gehört eine gewisse Veranlagung dazu.“

Eine solche Veranlagung, nämlich die Fähigkeit, Eigenschaften und Emotionen eines Menschen in Sekundenbruchteilen komplex zu erfassen, erlebte Prof. Schmelz bei einem Vernehmungsbeamten: „Der Kollege hatte noch nie etwas von Vernehmungslehre und Verhörmethoden gehört. Und trotzdem gelang es ihm intuitiv, mit jeder Person den Kontakt herzustellen – ob Rauschgiftabhängiger, Wirtschaftskrimineller oder Gewalttäter. Er kam mit jedem ins Gespräch und erzielte dabei aus polizeilicher Sicht optimale Ergebnisse.“ Psychologen sprechen hier auch von intuitiver Empathie.

Intuition lässt das nahezu Unfassbare möglich erscheinen

Am häufigsten begegne man der Intuition bei der kriminalistischen Arbeit, so impft es der Professor seinen Studenten ein, "in Form einer sehr subtil dargestellten, oftmals nicht zu begründenden Hypothese mit sehr hohem Abstraktionsgrad". Einfacher ausgedrückt: Die Intuition lässt das nahezu Unfassbare als möglich erscheinen. Insbesondere bei sehr komplexen, ungewöhnlichen und/oder unstrukturierten Fällen könne die Intuition ein Stück weiterbringen. Die Richtigkeit eines Verdachts oder einer Entscheidung zeige sich oft erst im Nachhinein.

Gleichzeitig mahnt Prof. Schmelz, man dürfe die Rolle der Intuition bei der Polizeiarbeit auch nicht überbewerten. Schließlich müsse jeder Anfangsverdacht durch Indizien erhärtet und eine Täterschaft möglichst stichhaltig bewiesen werden. Fest steht: Kein Staatsanwalt wird eine Hausdurchsuchung nur aufgrund des Bauchgefühls eines Beamten anordnen, mag dieser noch so überzeugt davon sein, dass mit jemandem "etwas faul" sei.

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