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LEISTUNGSTRÄGER 4.0

Quer durch alle Branchen müssen Unternehmen die digitale Transformation bewältigen. Wer soll das eigentlich für sie machen?

"Mehr Traffic generieren als New York zur Rush Hour" steht über der Stellenanzeige, daneben ein cooler, junger Typ mit Bart und Armband. Kein Start-up, sondern das traditionsreiche Handelsunternehmen OTTO wirbt so um neue Mitarbeiter. Die aktuelle Arbeitgeberkampagne soll Bewerbern zeigen: Der einstige Versandhändler ist inzwischen längst ein digitales Unternehmen. Während ehemalige Wettbewerber wie Quelle oder Neckermann den rechtzeitigen Sprung ins Internetzeitalter verpasst haben, erzielt OTTO heute mehr als 85 Prozent seines Umsatzes online. Und ist als Unternehmen offen für Innovation und Wandel: "Wir suchen top ausgebildete Fachkräfte, um die Digitalisierung von OTTO weiter zu beschleunigen", sagt Personaldirektorin Sabine Josch.

Ein Ziel, das derzeit viele Personalentscheider verfolgen: Kaum ein großes Unternehmen, das nicht die digitale Transformation auf der Agenda hätte. SAP will beispielsweise weiter das Geschäft mit Mietsoftware aus dem Internet (Software as a Service, SaaS) forcieren, in weniger zukunftsträchtigen Sparten baut der Softwarekonzern dagegen Stellen ab. Die Automobilhersteller Audi, BMW und Daimler haben gemeinsam den ehemaligen Nokia-Kartendienst Here übernommen, um sich mit digitalen Services gegen Google und dessen selbstfahrendes Auto in Stellung zu bringen. Quer durch alle Branchen gründen Unternehmen Data Labs, in denen Online-Experten und IT-Profis zukunftsfähige digitale Geschäftsmodelle entwickeln sollen, angefangen von Fluggesellschaften wie Ryanair über Automobilbauer wie VW bis hin zu großen Strategieberatungen wie McKinsey.

Mehr als 90% aller Stellenangebote entfallen auf klassische IT-Berufe

Jeder dritte Arbeitnehmer fühlt sich den Anforderungen am Arbeitsplatz 4.0 nicht immer gewachsen

"Über kurz oder lang gibt es keine Branche und keinen Unternehmensbereich mehr, der nicht von der Digitalisierung erfasst werden wird", sagt Oliver Wippich, bei Hays für das Recruiting von IT-Fachkräften verantwortlich. Ein Trend, der bei manchem Beschäftigten gemischte Gefühle hervorruft: Auch wenn viele die neuen technischen Möglichkeiten schätzen, fühlt sich rund jeder dritte Arbeitnehmer den Anforderungen am Arbeitsplatz 4.0 nicht immer gewachsen, zeigt eine aktuelle Umfrage von TNS Infratest für den bundesweiten Wettbewerb "Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen". 30 Prozent machen sich sogar Sorgen, mit den fortlaufenden Neuerungen, die Smartphones, Highspeed-Internet oder Cloud-Dienste im Job bieten, auf Dauer nicht Schritt halten zu können.

Erfordert die Digitalisierung also eine neue, junge Generation von Leistungsträgern mit anderen Qualifikationen? Auch wenn nicht zuletzt der frisch gestaltete Arbeitgeberauftritt von OTTO diesen Schluss nahelegt: Dass Unternehmen künftig im großen Stil Stellen abbauen oder bewährte Mitarbeiter entlassen, halten Personalexperten dennoch für unwahrscheinlich. Beispiel IT: "Die Nachfrage nach neuen Berufsprofilen wie Big-Data-Spezialisten, IT-Architekten, Cloud- oder Security-Experten steigt prozentual gesehen zwar zweistellig, doch mehr als 90 Prozent aller Stellenangebote entfallen nach wie vor auf klassische IT-Berufe wie beispielsweise Anwendungsentwickler, SAP-Berater oder Netzwerkadministratoren", so Oliver Wippich. Laut Hays-Fachkräfte-Index stehen sie 2015 noch vor den Ingenieuren ganz oben auf der Liste der begehrten Berufe, profitieren also ganz klar von der Digitalisierung. "Die IT durchdringt alle Branchen und Unternehmensbereiche, entsprechend robust entwickelt sich der klassische IT-Arbeitsmarkt", so der erfahrene Recruiting-Manager.

Die Grenze zwischen Fach- und Managementlaufbahn wird künftig durchlässiger. Um möglichst schnell und autonom die richtigen Entscheidungen zu treffen, benötigen Führungskräfte eine gute Portion Fachwissen und können sich nicht allein auf ihr Manage
Die Grenze zwischen Fach- und Managementlaufbahn wird künftig durchlässiger. Um möglichst schnell und autonom die richtigen Entscheidungen zu treffen, benötigen Führungskräfte eine gute Portion Fachwissen und können sich nicht allein auf ihr Management-Know-how verlassen

Nicht einzelne Berufe verschwinden, sondern einzelne Aufgaben

Die Digitalisierung macht bewährte Qualifikationen also nicht auf einen Schlag entbehrlich, allerdings beeinflusst sie viele Jobprofile. "Nicht einzelne Berufe werden verschwinden, sondern einzelne Aufgaben", beschreibt Oliver Wippich die Entwicklung. Sowohl in der IT als auch in allen anderen Unternehmensbereichen werden Routine- und Verwaltungsaufgaben zunehmend wegfallen. Stattdessen nutzen die Leistungsträger 4.0 künftig in Echtzeit bereitgestellte Daten und Analysen, um selbstständig, kurzfristig und flexibel auf Marktschwankungen zu reagieren oder Prozesse zu optimieren.

Entsprechend wichtig werden auf dem Weg in die Arbeitswelt 4.0 z. B. die Themen Lern- und Veränderungsbereitschaft: "Lebenslanges Lernen ist ein ganz wichtiges Stichwort, und wer dazu nicht bereit ist, kann auf Dauer kein Leistungsträger sein", sagt Marc Stoffel, CEO bei Haufe-umantis. Das Unternehmen entwickelt IT-gestützte Lösungen für Talent Management und Personalentwicklung für namhafte Unternehmen. Beispiel Industrie 4.0: In der vernetzten Fabrik kommunizieren Werkstücke und Maschinen künftig per Funkchip und organisieren Produktionsprozesse autonom und dezentral. Facharbeiter in der vernetzten Fertigung benötigen deshalb vermehrt Kompetenzen in den Bereichen IT, Netzwerk- und Funktechnologien sowie Prozesswissen. Die Komplexität der Abläufe und der Technik wachse, resümiert Michael Zenker, Abteilungsleiter bei Bosch. In seinem Allgäuer Werk Blaichach/Immenstadt erprobt das Technologieunternehmen derzeit bereits das Arbeiten in der vernetzten Fabrik der Zukunft: "Ein Wandel, den wir durch unser intensives und vielfältiges Qualifizierungsprogramm begleiten - und so unsere Beschäftigten in die Lage versetzen, mit den neuen Entwicklungen Schritt zu halten", so Zenker.

Außderdem wird sich auch das Thema Führen verändern. "Wer unter Führen vor allem Kontrollieren versteht, wird es als Leistungsträger künftig schwer haben", sagt Oliver Wippich, und das nicht nur, weil die nachrückende Generation zunehmend kreativen Freiraum und flache Hierarchien erwartet. In der schnellen digitalen Wirtschaftswelt agieren klassische, zentralistisch geführte Organisationen zudem oft zu langsam und schwerfällig. Stattdessen sind agile Strukturen gefragt und damit Chefs, die sich eher als Coach oder Beziehungsmanager verstehen denn als Alleinherrscher: "Führung muss Mitarbeiter dazu ermutigen und auch ermächtigen, sich einzubringen", bestätigt Marc Stoffel. "Ich bin davon überzeugt, dass Führung temporär wird und Führungsrollen stärker nach aktuellen Anforderungen und individuellen Profilen besetzt werden müssen." Er selbst geht mit gutem Beispiel voran: Als erster Vorstand der Welt ist der Haufe-umantis-CEO 2013 von der Belegschaft befristet in sein Amt gewählt worden. Aktuell bestreitet er seine dritte Amtszeit.

Die Grenze zwischen Fach- und Führungskarriere wird durchlässiger

Denn in einer weiteren Hinsicht verändert die Digitalisierung die Karrieren von Leistungsträgern: "Die Grenze zwischen Fach- und Managementlaufbahn wird künftig durchlässiger", erwartet Oliver Wippich. Um möglichst schnell und autonom die richtigen Entscheidungen zu treffen, benötigen Führungskräfte eine gute Portion Fachwissen und können sich nicht allein auf ihr Management-Know-how verlassen. Sehr gute Chancen ergeben sich daraus für erfahrene freiberufliche Spezialisten, die als Manager auf Zeit für Unternehmen im Rahmen der digitalen Transformation Projekte planen und durchführen. Auch offene, teamfähige und kommunikationsstarke Experten haben gute Chancen auf einen Führungsposten 4.0. "Quereinsteiger erwünscht!" heißt es z. B. ausdrücklich in vielen Stellenanzeigen für Senior- oder Leitungspositionen bei OTTO. Wer auf dem Campus in Hamburg die Zukunft des E-Commerce vorantreiben will, braucht neben Branchenkenntnissen und Online-Erfahrung nicht zuletzt ein gutes Verständnis für Internettechnologien und aktuelle Online-Tools. Denn angehende Führungskräfte erwartet bei OTTO kein gemachtes Nest. Stattdessen gilt es, selbst Strukturen zu schaffen und sich in einer Matrixorganisation mit wechselnden, interdisziplinären Teams zu etablieren. "Wer in diesem agilen Umfeld als Führungskraft ernst genommen werden will, sollte nicht nur betriebswirtschaftliche Kennzahlen, sondern auch wichtige technische Aspekte verstehen", sagt Oliver Wippich.