HaysWorld
Archiv

Hier finden Sie alle Ausgaben der HaysWorld seit Oktober 2009. Sie können jeweils entweder die Gesamtausgabe oder einzelne Artikel als PDF herunterladen.

Zum PDF-Archiv

HaysWorld 01/18
ENTSCHEIDEN

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/17
MUT

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/17
EINFACHHEIT

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/16
KREISLAUF

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/16
STRUKTUREN

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/15
LEISTUNG

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/15
FÜHRUNG

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/14
VERTRAUEN

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/14
TEAMS

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/13
Intuition

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/13
Bewegung

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 01/12
Spielen

Zur Online-Ausgabe

HaysWorld 02/12
Intelligenz

Zur Online-Ausgabe

Interview mit Professor Jürgen von Hagen

„DEFINITORISCH
IST DER KREISLAUF
IMMER RUND“

Der Wirtschaftskreislauf ist ein grundlegendes Modell dafür, wie eine Volkswirtschaft funktioniert.

Foto: fotolia, iStock

Prof. Jürgen von Hagen ist Direktor des Instituts für Internationale Wirtschaftspolitik an der Universität Bonn und laut Ranking des Handelsblatts von 2011 einer der 20 bedeutendsten deutschsprachigen Ökonomen. Er hat schon den IWF, die Weltbank und die Europäische Zentralbank beraten. Wer könnte besser erläutern, wieso es in einer Volkswirtschaft immer im Kreis läuft?

Prof. von Hagen, wer kam eigentlich auf die Idee, die Wirtschaft als Kreislauf darzustellen?

Die erste Formulierung stammt von dem französischen Arzt und Ökonomen François Quesnais aus dem 18. Jahrhundert. Er war durch seine Arbeiten zum Blutkreislauf des Menschen berühmt geworden. Quesnais erkannte, dass die Einkommen in einer Wirtschaft ebenfalls einen Kreislauf durchlaufen. In seiner Darstellung verbindet dieser Kreislauf drei soziale Klassen miteinander: Bauern, Handwerker und Landbesitzer. Die Bauern produzieren und verkaufen ihr Produkt teils untereinander, teils an die anderen Klassen. Die Handwerker kaufen landwirtschaftliche Produkte und verkaufen ihre eigenen Produkte an die Bauern und die Landbesitzer. Und diese erhalten von den Bauern die Pachteinnahmen und geben sie für landwirtschaftliche und Handwerksprodukte aus. Wirtschaft ist also Interaktion von Sektoren und Personen, bei der jeder etwas empfängt und etwas abgibt.

Ist das nicht eher ein Hin und Her als eine Kreisbewegung?
 
Nun, würde man einem Bauern ein Geldstück zum Kauf von Handwerksprodukten geben, dann würde dieses Geldstück irgendwann wieder zu ihm zurückkehren, so die Theorie. Quesnais denkt aber noch weiter. Er sagt: Wie beim menschlichen Körper kann sich der Kreislauf auf ein Gleichgewicht einpendeln, das darin besteht, dass in jedem Jahr die Gesellschaft mit landwirtschaftlichen und Handwerksprodukten versorgt wird und die Bauern dennoch Saatgut übrig behalten, um eine neue Aussaat zu tätigen; dass also der Kreislauf sich in jedem Jahr selbst reproduziert. Die moderne Wirtschaftswissenschaft beschreibt den Kreislauf als Verbindung von Produzenten und Konsumenten mit dem Staat in einer Sonderrolle. Die Privaten, seien es Arbeitnehmer, Grundbesitzer oder Eigentümer von Unternehmensanteilen, nehmen freiwillig am Tausch teil. Jeder ist gleichzeitig Produzent und Konsument, erzielt also Einkommen aus Produktion und gibt dieses zum Konsum wieder aus. Allein der Staat kann seine Bürger dazu zwingen, ihm Teile ihrer Einkommen als Steuern zu zahlen, die er dann für Güter und Dienstleistungen ausgeben kann.

In den Modellen des Wirtschaftskreislaufs werden Unternehmen, private Haushalte, Staat, Ausland und Banken als gleichwertige Komponenten dargestellt. Sind denn tatsächlich alle Sektoren gleichwertig?

Hier ist das Bild des Blutkreislaufs vielleicht ganz hilfreich. Der Blutkreislauf verbindet verschiedene menschliche Organe. Als Komponenten des Kreislaufs sind sie alle gleich in dem Sinn, dass sie Blut aufnehmen und Blut abgeben. Aber darüber hinaus haben die Organe unterschiedliche Funktionen und Bedeutung für den Erhalt des Körpers. Im Wirtschaftskreislauf ist es ähnlich: Unternehmen, Banken, Haushalte und Staat haben unterschiedliche Funktionen. Ob sie „gleichwertig“ sind, hängt davon ab, wie Sie „Wert“ bemessen. Bei Quesnais hat die Landwirtschaft für die Gesellschaft größeren Wert als das Handwerk und Quesnais nutzte diese Idee, um beim Staat die Förderung der Landwirtschaft zu fordern. Die sozialistische Wirtschaftswissenschaft übersetzte diese Terminologie so, dass Arbeiter und Bauern die produktive Klasse sind und Dienstleister die sterile Klasse, mit der Folge, dass ihre Wirtschaftspolitik auf die Entwicklung der Schwerindustrie und der landwirtschaftlichen Großbetriebe setzte und den Dienstleistungssektor – 80 Prozent unserer aktuellen Wirtschaft – vernachlässigte.

Hat das Modell Haken? Geht dieser Kreislauf wirklich immer auf?

Der Wirtschaftskreislauf ist eine buchhalterische Beschreibung und geht daher im Rückblick immer auf – definitorisch. Die Bilanz eines Unternehmens ist immer ausgeglichen – definitorisch. Ob das Unternehmen dabei in Konkurs geht oder nicht, ist eine andere Frage, aber ausgeglichen ist die Bilanz immer. Und genauso ist es mit dem Wirtschaftskreislauf. Die spannende Frage ist die, ob eine Volkswirtschaft ein Kreislaufgleichgewicht finden kann. Ob also die Pläne aller Unternehmen, Haushalte und des Staates so miteinander kompatibel sind, dass alle geplante Produktion ausreicht, alle geplante Nachfrage zu decken und dabei genug Einkommen zu produzieren, sodass diese Nachfrage auch finanziert werden kann. Das ist eigentlich die Grundfrage der Makroökonomik. Die Antwort auf diese Frage steht im Kern der Auseinandersetzung zwischen Vertretern der Planwirtschaft und Vertretern der Marktwirtschaft. Erstere sind überzeugt, dass nur staatliche Planung das leisten kann. Letztere sind überzeugt, dass staatliche Planung damit überfordert ist und dass ein Marktsystem diese Koordination besser leistet. Allerdings um den Preis, dass es immer wieder Störungen geben kann, unerwartete Faktoren: Die nennen wir Konjunkturschwankungen. Sagen wir also: Mit diesen Schwankungen können wir leben und im Übrigen ist der Markt so leistungsfähig, dass die Wirtschaft zu einer guten Versorgung der Bevölkerung führt? Oder nicht? An dieser Stelle hört die Wissenschaft auf und die Weltanschauung beginnt.

Foto: Westend, fotolia

Eine weitere Idee der Volkswirtschaftslehre ist das „magische Viereck“. Die vier Ecken lauten: Stabilität des Preisniveaus, hoher Beschäftigungsgrad, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und stetiges Wirtschaftswachstum. Magisch heißen sie, weil sie nicht gleichzeitig verwirklicht werden können. Was müsste denn geschehen, dass doch alle Ziele erfüllt werden?

Das magische Viereck stammt aus den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Staat sich selber ständig überfordert hat mit Ansprüchen, die er gar nicht halten konnte. Der Staat sollte mit seiner Geld- und Fiskalpolitik dafür sorgen, dass die Wirtschaftsentwicklung gleichmäßig ist – es also keine Konjunkturschwankungen gibt. Die Vorstellung war, dass die Wirtschaftsaktivität allein von der Nachfrageseite abhängt. Dies führte im Deutschland der 60er- und 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts zu einem wirtschaftspolitischen Aktionismus, staatlicher Feinsteuerung der Wirtschaft mithilfe der Geld- und Fiskalpolitik. Heute geht man jedoch davon aus, dass die beste Wirtschaftspolitik, soweit es den Konjunkturverlauf betrifft, darin besteht, dass der Staat mit seiner Politik einen stabilen Rahmen für die Pläne der Haushalte und Unternehmen schafft. Das bedeutet nicht, dass der Staat nicht im Hinblick auf Einkommens- und Vermögensverteilung, Regulierung der Märkte usw. wichtige Aufgaben hat. Doch muss dies mit Augenmaß geschehen, denn die letzte Episode staatlichen Aktionismus nach der Lehman-Pleite 2008 hat demonstriert, wohin solcher führt: in eine hohe Staatsverschuldung, die die Handlungsfähigkeit des Staates lähmt, und damit zu geringem Wachstum.

Lässt sich die Vorstellung vom dauerhaften Wirtschaftswachstum überhaupt halten?

Dazu müssen wir zuerst feststellen, dass Wachstum vor allem durch technischen Fortschritt getrieben ist, also durch die Verbesserung des technischen Wissens. Zweitens bedeutet Wachstum genau genommen die Zunahme des Werts der Produktion, nicht die Zunahme des Volumens der Produktion. Das ist wichtig, weil das Wachstum der entwickelten Wirtschaften seit Jahrzehnten vor allem darin besteht, dass wir Produkte größerer Vielfalt und besserer Qualität produzieren. Es geht schon lange nicht mehr darum, „immer mehr“ zu produzieren, sondern immer bessere und darum höherwertige Produkte. Das muss so lange kein Ende haben, wie den Menschen immer wieder Neues einfällt.

Die meisten wirtschaftswissenschaftlichen Analysen gehen übrigens von einer Wirtschaft aus, die nicht dauerhaft wächst. Als empirisches Phänomen ist Wirtschaftswachstum relativ jung: Wenn wir es als Zunahme der Wirtschaftsleistung pro Kopf definieren, beobachten wir ein solches erst seit Ende des 18. Jahrhunderts.

Nicht zuletzt ist die Frage nach knappen Rohstoffen wichtig. Auch da spielt der technische Fortschritt eine zentrale Rolle. Als der Club of Rome Anfang der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts den Kollaps der Industriegesellschaft für circa 2015 voraussagte, ging er davon aus, dass es keinen technischen Fortschritt z. B. hinsichtlich der Förderung von Rohöl geben würde. Heute fördern wir Öl mit Techniken und darum aus Quellen, die man sich damals gar nicht vorstellen konnte. Zugleich brauchen wir aufgrund des technischen Fortschritts viel weniger Öl je Einheit Wirtschaftsleistung. Kann das immer so weitergehen? Das kommt darauf an, wie Sie über den Erfindungsgeist des Menschen denken.

Artikel als PDF downloaden