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Mut zum Selbstversuch

Ob es immer selbstlose Hingabe und Überzeugung vom Nutzen für die Menschheit waren, die Forscher, Mediziner oder Erfinder dazu brachten, ihre Ideen im Selbstversuch auszuprobieren? Egal, ob Verzweiflung, Selbstüberschätzung oder schlicht Hoffnung der Antrieb war: Viele bedeutende Erkenntnisse der Menschheit hätte es ohne den Mut zum Selbstversuch nicht gegeben.

Foto: Lars Norgaard

Robert Koch, Max von Pettenkofer oder Sigmund Freud: Viele Größen der Medizin testeten Wirkstoffe an sich selbst. Die Beurteilung dieses Vorgehens hat sich heute allerdings um 180 Grad gedreht: Galt es im 18. Jahrhundert noch als probat oder sogar unentbehrlich, dass der Mediziner am eigenen Leib die Wirkung seines Versuchs erfuhr, so ist es heute ein Tabu. Das war es auch schon 1929, als der junge ehrgeizige Arzt Werner Forßmann seine neue medizintechnische Erfindung, den Herzkatheter, gegen das ausdrückliche Verbot seiner Vorgesetzten an sich selbst ausprobierte. Und erst recht 1953, als der Immunbiologe Jonas Salk sein Serum gegen Polio, also Kinderlähmung, nicht nur an sich, sondern auch an seiner Familie testete. Ebenso 1984, als Barry Marshall ein Glas mit Helicobacter-Bakterien trank, um nachzuweisen, dass sie für Magengeschwüre verantwortlich sind. Wo blieben objektive und wiederholbare Versuchsanordnungen, wo die Trennung von Versuchsobjekt und Beobachter? Und dennoch: Wie viele Errungenschaften der Menschheit verdanken sich Ausreißern, die Regeln überschritten, mögliche Folgen ausblendeten oder einfach nicht zu Ende dachten? Forßmann, Salk – und seine Familie – sowie Marshall überlebten ihre Experimente und erhielten später zahlreiche Ehrungen; Forßmann und Marshall sogar den Nobelpreis.

Risiken am eigenen Leib erfahren

Helm oder nicht Helm? Das fragen sich weltweit jeden Tag zig Fahrradfahrer und fechten einen Kampf aus zwischen Gefühl – „Meine Frisur!“ – und Gewissen – „Ich sage den Kindern ja nicht umsonst, dass es mit Helm sicherer ist“. Aber ist es das wirklich? Das wollte 2006 der britische Verkehrspsychologe Ian Walker im Selbstversuch heraus­finden. Er rüstete sein Fahrrad mit Ultraschalldistanzmesser, Laser und einer Videokamera aus und radelte los – mal mit Helm, mal ohne und manchmal auch als Frau verkleidet. Schwerpunkt seiner Untersuchungen waren die Überhol­manöver der Autos – eine der gefährlichsten Situationen für Radfahrer. Mehr als 2.500 Überholmanöver konnte Walker dokumentieren. Sein überraschendes Ergebnis: Radfahrer mit Helm sind durch die Autofahrer stärker gefährdet. Die Autos kamen ihm im Schnitt 8,5 Zentimeter näher, wenn er einen Helm trug. 14 Zentimeter mehr Abstand hielten die Autos dagegen, wenn er als Frau verkleidet und ohne Helm fuhr. Seine Erklärung: Die Motorisierten betrachteten behelmte Radfahrer als „Subkultur der Straße und Straßenkrieger“. Der Helm, so seine Interpretation, wirke auf viele Autofahrer wie eine Rüstung und wecke bei ihnen die Assoziation, dass Radfahrer mit Kopfschutz sich sicherer und erfahrener durch den Straßenverkehr bewegten. Zweimal wurde Walker bei seinem Selbstversuch angefahren, einmal von einem LKW und einmal von einem Bus – in beiden Fällen war er mit Helm unterwegs. Ob er seitdem privat mit Helm oder ohne fährt, ist nicht dokumentiert.

Neue Welten entdecken

„Der Mensch als Maschine“ war 1747 eine bahnbrechende Buchveröffentlichung des französischen Arztes und Philosophen Julien Offray de La Mettrie. Seine These: Nicht unser Geist oder Gott bedinge unser Handeln, sondern unser Körper. Ins Heute übersetzt könnte das heißen: Elektromagnetische Impulse in unserem Gehirn steuern nicht nur unsere Bewegungsabläufe, sondern auch unsere Gefühle, unseren Glauben und unseren Willen.

1998 steht der erste Mensch als Teil einer Maschine auf einem Podium. Kevin Warwick heißt er und hat sich einen Chip in den Arm implantieren lassen, der sein Nervensystem mit einem Computer vernetzt. So kann er über Tausende von Kilometern via Internetdatenverbindung eine Roboterhand steuern – allein durch seine Gedanken. Als „Guinea Pig“, als Versuchstier, will der sogenannte Kybernetiker Teil der Maschinenintelligenz werden und völlig neue Sinneserfahrungen machen. Seine Vision ist die Gedankenübertragung von Mensch zu Mensch. Elektrische Impulse in den Hirnen würden dann die Informationen, für die es sonst einer Sprache bedarf, direkt übertragen. Das Ergebnis wäre eine ungefilterte Kommunikation, die ohne die Hürden der Verbalisierung geschähe – Telepathie.

Mit dem Weltraum vernetzt

Neil Harbisson ist der erste Mensch, der in seinem Pass als „Cyborg“ anerkannt ist. Der 33-Jährige wurde farbenblind geboren. 2004 ließ er sich ein Gerät in den Schädel implantieren, das ihn Farben als Töne wahrnehmen lässt. Dieser „Eyeborg“, ein Sensor, der an einer Angel über seinem Kopf hängt, lässt sich mit dem Internet verbinden. Auf diesem Weg können andere Menschen ihm Bilder ins Gehirn senden – wenn er es erlaubt. Einmal sei er gehackt worden, sagt der Avantgarde-Künstler. Sein Eyeborg erlaubt es ihm angeblich auch, Signale von Satelliten zu empfangen – seine Vernetzung mit dem Weltraum.

Ein Selbstversuch der Menschheit

Sehr bald schon werden Menschen ein neues gigantisches Experiment wagen: die Reise zum Mars. Mindestens 38 Monate wird der Aufenthalt im All dauern. Die kleinste Gefahr besteht in der extremen Alterung, einem erhöhten Krebsrisiko und natürlich der enormen psychischen Belastung. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um ein One-Way-Ticket handelt, ist groß. Dennoch: Die NASA verzeichnet so viele Bewerber als Astronaut wie noch nie – Grund sei die zu erwartende bemannte Marsmission. Voraussichtlich bis zum Jahr 2030 will die US-Raumfahrtbehörde den ersten Menschen auf den Planeten geschickt haben. Ein Selbstversuch der Menschheit, um einen neuen Lebensraum im All zu erobern – die Zukunft wird zeigen, ob er gelingt oder nicht.

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