Interview mit Prof. Dehnbostel

Fünf Fragen an Prof. Dr. Peter Dehnbostel, der an der TU Dortmund zu den Themen Betriebliche Bildungsarbeit und Berufliche Weiterbildung lehrt und forscht.

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt – verändert sie auch das Corporate Learning?

Ja, im Grunde genommen hat sie – einhergehend mit restrukturierten Organisationen – das Konzept des lernenden Unternehmens überhaupt erst hervorgebracht. Bis in die 70er-Jahre herrschten industrialisierte, tayloristische Arbeitsprozesse vor, für den Großteil der Beschäftigten gab es weder die Notwendigkeit noch die Möglichkeit zum Lernen. Seit den 80er-Jahren nimmt die Digitalisierung der Arbeit stetig zu – vom PC über die Anfänge des Internets bis zu den aktuellen Schlüsseltechnologien der Robotik, der Cyber-Physischen-Systeme und der künstlichen Intelligenz. Das verändert die Arbeits- und Lernformen: je weiter die Digitalisierung voranschreitet, desto mehr gibt es (in den Unternehmen) zu lernen.

Wie sieht betriebliches Lernen denn heute aus?

Das digitale Lernen verbindet Arbeiten und Lernen unmittelbar im Arbeitsprozess. Beschäftigte nutzen dabei in wachsendem Maße digitale Lernplattformen, Online-Communities, Webinare sowie Blended Learning, also Formate, die Präsenzveranstaltungen und virtuelles Lernen miteinander verbinden. Digitales Lernen in der Arbeitswelt ist dabei größtenteils informelles Lernen und darauf ausgerichtet, zunehmend anspruchsvolle Arbeitsaufgaben zu lösen, wobei einfache Arbeit – soweit ökonomisch sinnvoll – immer mehr substituiert wird.

Haben klassische Formate wie Seminare, Abendkurse oder Coaching bald ausgedient?

Nein, ganz im Gegenteil: Informelles, arbeitsintegriertes Lernen erfolgt in der Regel situativ, ohne professionelle Lernbegleitung. Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter aber breit qualifizieren. Eine umfassende Kompetenzentwicklung ist nur durch die Verbindung von informellem Lernen mit intentionalem, organisiertem Lernen innerhalb und außerhalb des Unternehmens einzulösen.

Ihre Empfehlung?

Unternehmen sollten E-Learning verstärken und dabei außerbetriebliche Lern- und Wissensinhalte einbeziehen. Um innovativ zu bleiben, brauchen Sie Lernformate, die Reflexion und Distanz vom Alltag schaffen und eine Brücke zum wissenschaftlichen Wissen schlagen. Unternehmen, die nur auf internes Know-how setzen und sich nicht strategisch positionieren, landen früher oder später in der Sackgasse.

Sie forschen seit vielen Jahren zur beruflichen Weiterbildung. Wo sehen Sie beim Corporate Learning 4.0 Handlungsbedarf?

Der Stellenwert des informellen, selbstorganisierten Lernens ist hoch und wird weiter zunehmen. Ich wünsche mir für Unternehmen und Arbeitnehmer einen verbindlichen Rahmen, um beruflich erworbene Kompetenzen, gerade informell erworbene, zu validieren und anzuerkennen. Was sagt denn Ihr Studien- oder Berufsabschluss nach zehn oder 20 Jahren im Berufsleben noch darüber aus, was Sie wirklich können? Für Unternehmen und Beschäftigte ist es unerlässlich, den jeweiligen Entwicklungsstand professionell zu bewerten, um Weiterbildungsziele zu formulieren oder Personal- und Karriereentscheidungen zu treffen. Da brauchen wir verbindliche, bundesweit geltende Rahmenbedingungen, ähnlich wie sie für die Berufsbildung gelten.